Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — .M 30.
Cine erste Liebe
(Fortsetzung.)
„Wer weiß, wo er wieder einmal hängen geblieben sein mag — der sonderbare Junge" — fuhr der Vater nach einem Weilchen nachdenklich fort» — „Vielleicht hat ihn der alte häßliche italienische Singmeister — wie heißt er doch —: Porpel?" — „Porpora, Papa" verbesserte Johanna sanft. — „Nun meinetwegen — Porpora — wieder mitgeschleppt und läßt sich Noten abschreiben von ihm. — Beim heiligen Joseph — was der Haydn Alles thut für dies Musikantenvolk und für seine eigene Schü« ler — es ist nicht zu beschreiben und nicht zu glauben! Wie ein gejagtes Reh hüpft er ja den ganzen Tag herum, von Einem zum Andern zu jedem Dienst um Got» teSwillen bereit — ich glaube, er putzte dem Meister Gluck — von dem sie jetzt so viel Geschrei machen, die Stiefel, wenn dieser ihm ein Stückleiu vorspielen wollte. — „Um der herzlichen Musika avillen thut Joseph Haydn AlleS" — sagte er mir einmal. — Aber all seine Dienste all sein Eifer, sein Spielen in den Singstunden PorpelS, — fein Komponiern — nichts — nichts bringt ihm auch mir einen Kreuzer ein! Kein Mensch bezahlt ihn— weil er von keinem etwas verlangt ! — Ich habe, so lange er bei uns wohnt, — und das ist doch schon eine hübsche Weile — noch keinen Pfennig Miethe oder Kostgeld von ihm eingenommen — ich kann's auch, Gott sei Dauk,— abwarten, aber seht ihr Nur, daß der junge Mensch sich je deßhalb kümmerte und sich etwas Klingendes zu ver, dienen suchte? — Habt ihr je ein sorgenvolles Gesicht an ihm erblickt — oder auch nur eine schwermüihige Miene? — Da tritt er stets zur Thür herein mit einem Gesicht, daß man denken sollte, so eben habe unser aller- gnädigster Kaiser ihm sein ganzes Reich geschenkt. — ^nd fragt man erstaunt: „Nun, Haydn, was ist denn
Glückliches geschehen"? — Da lacht er, daß einem daS Herz aufgeht und sagt: „Porpora hat mich gelobt" — oder „Gluck hat mir über die Wange gestreichelt" — oder „ich habe eine schöne Blume gesunden" — oder „der Himmel war heut so herrlich blau und die Sonne schien so hell". — Sitzt er nicht oben in seiner Dachstube an seinem alten wurmstichigen Spielkasten, als ob er auf einem Königsthron säße, und vergißt über seine drolligen Sonaten von dem Kantor Bach, von dem er so oft spricht — Essen und Trinken? — Und dabei diese ewig frohen Augen! — S' ist mir wahrlich ost, wenn der junge Mensch so vor mich hintritt und mir guten Morgen sagt, als ob er mir einen Blumenstrauß an'S Herz würfe, — und ich muß an mich halten, daß ich ihm nicht um den Hals falle. — Kinder ich sage euch, auf diesen Joseph Haydn hat der liebe Herrgott ganz besondere Liebe geworfen — der wird entweder noch wunderbare Dinge auf Erden vollbringen, oder er stirbt bald, — EinS von Beiden geht aber sicherlich in Erfüllung". —
Kaum waren diese prophetischen Worte den schmalen Lippen deS eifrigen Redners entflohen, alS ein leises Klopfen an der Thüre ertönte und auf deS Hausherrn hastiges: „Herein" — Joseph Haydn auf der Schwelle erschien. Seine leichten Kleider trieften, wie seine schönen hellbraunen Haare, er zitterte sichtlich vor Nässe und Kälte an allen Gliedern, doch trug er die schlanke Gestalt wie triumphirend hoch aufgerichtet, und auf seinem lieben kindlichen Angesicht lag solch ein Glanz, solch eine fieberische Freude, daß Johanna ängstlich aufsprang, zu ihm Hinlies und mit wankender Stimme fragte: „Haydn. waS habt Ihr?! — Was ist Euch begegnet"? — „O etwas wunderherrlicheS, liebste Johanna" — antwortete der Jüngling begeistert — „etwas gar Seliges! hört nur — hört. Und ihr müßt auch hören, Vater Keller, und Doretta auch" — und dabei zog er die Widerstre-