Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — JVi 25.
An der Grenze.
(Fortsetzung)
Mitten im tiefen Walde war ein kleiner freier Platz, bedeckt mit kurzem mooSartigem Rasen. Links zog sich der feste Boden, nur schwach mit hochstämmigen Bäumen bestanden, aber geschmückt mit den reichsten Gebüschpartien und wundervoll üppigen Schlingpflanzen, noch eine Strecke lang bis jenseits des BacheS hin, der hier zwischen ziemlich hohen Ufern langsam dem untern See zu- fließt. Rechts dagegen brach der sichere Grund alsbald scharf ab und wohl eine Viertelstunde weit'konnte man zwischen den weit zerstreuten, inselartig sich erhebenden BoSketS über eine gefährliche, unpassirbare Fläche hinaussehen. Da wechselte daS falbe Grün des überwachsenen, bodenlosen Sumpfs nur mit dem häßlichen, schillernden Braun des stehenden Wassers ab; Binse und wenig Schilf faßten hier und dort den Rand ein, weiterhin hatten allerlei Wasserpflanzen ihre großen saftigen Blätter auSgebreitet und die weiße Seelilie hob überall ihre melancholischen duftreichen Blumen. Noch weiter, hinter dieser Fläche, ließen sich geschlossenes Gebüsch und hohe Bäume sehen, die sich auf einem festen Landrücken bis an den Glockensee erstreckten. Vorn und hinten schloß sich Sumpf und Bruch aneinander und ein AuSgang war nirgends sichtbar. Das war die Stelle im sogenannten großen Königsbruch, welche sich die Schmuggler bei ihren Gängen zum Ruheplatz erkoren hatten.
Dort finden wir denn auch am Nachmittag die Männer, welche Morgens vom Kruge aufgebrochen waren. Die schweren Päcke und die schmutzigen bis oben nassen hohen Stiefeln, so wie die triefenden Hüte und Jacken zeigten zur Genüge, daß sie einen zwar erfolgreichen, aber auch beschwerlichen Marsch gemacht hatten und unterwegs der ganzen Gewalt des Unwetters ausgesetzt
gewesen waren. Meist ruhten sie in tiefer Ermüdung auf trockenen Stellen unter den Büschen; der Krüger aber hatte auf einem vom Sturm umgeworfenen Stamm Platz genommen und Georg stand vor ihm und erzählte vom Gange des Geschäfts drüben dies und das. Der Alte war nur bis zum Grenzfluß mitgegangen und hatte dort der andern gewartet.
„So ist denn alles gut gegangen", sagte Georg endlich, „und unsere Ladung ist wohl eines Freudensprunges werth. Aber Ihr seid still, Vater"? — „Ja", entgegnete dieser ziemlich finster, ohne sein Haupt vom untergestützten Arm zu erheben, „ich denke noch immer an die beiden verdammten Fußspuren droben am Ein- gang. Einem von unsern Leuten gehören sie nicht, das ist einmal gewiß; aber wem denn"? — „Bah", erwiederte Georg, „einer von den Jenseitigen wird wie ein steifer Gaul zutäppisch gewesen sein, wie ich heute Morgen schon sagte". Der Alte schüttelte den Kopf. Ihm gefiel daS Ding keineswegs und er ärgerte sich, daß er nicht noch einmal hinaufgegangen war und sich umgesehen hatte. Georg ging des Wartens wegen mißmuthig auf und ab, die andern Leute unterhielten sich ziemlich leise oder schwiegen; einige schliefen auch.
„Horch"! sagte der Alte plötzlich leise, aber für alle rings vernehmbar, und hob lauschend den Kopf. DaS leiseste Gespräch verstummte augenblicklich, sogar die Schläfer fuhren empor, denn in der Gefahr ist der Schlaf nur wie ein leichter Schleier über die Sinne gebreitet. Man hörte ein flüchtiges Knacken, wie von einem brechenden dürren Zweig, dann ein plätscherndes Geräusch. „Eine Sau, die durch den Sumpf geht", flüsterte Georg und trat hinter ein Gebüsch, von wo man weiter hinauS- sehen konnte.
„Nein"! murmelte der Alte. Da knackte es wieder und Georg sprang leicht zurück. „Beim Satan"! murrte