Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — 84.
An der Grenze.
(Fortsetzung)
Nach einiger Zeit ward er vorsichtig abgelöst, berichtete daS Geschehene an den herbeikommenden Kon- troleur und ward dann mit Frühauf nach der öfter erwähnten Allee beordert, die zum Sammelplatz erkoren war. Hier lagerte er sich höchst gemächlich im Schatten und begann dann eifrig dem mitgebrachten Frühstück zuzusprechen. Frühauf hatte die verschiedenen Anordnungen des oberen Beamten schweigend und augenscheinlich höchst betroffen vernommen. „Um alles in der Welt, Kamerad", sagte er jetzt, „was gibt eS doch? Alles dieß steht wie ein besonderer Plan aus". — „Ei zum Teufel, Kamerad", erwiderte der Andere mit vieler Ruhe und in voller Beschäftigung mit seinem Frühstück, „Sie wissen ja doch von dem Schlag, den wir vorhaben". — „Ich? Nichts weiß ich" ! rief der Jäger heftig, während sein Gesicht sich röthete. „Und es ist mehr als kurios, daß alle davon zu wissen scheinen und nur ich nicht, daß ich also der Dummbart sein muß". — „Ei nun, Kamerad, das ist allerdings wunderlich", versetzte JeremiaS in nachdrücklichem und gleichmüthigem Ton; „allein was hadern Sie mit mir? Ich kann doch den Controleur nicht gegen seinen Willen bewegen, Ihnen dieselben Mittheilungen zu machen wie unS. Eie wissen also nichts von der gestrigen Nachricht? daß man Truppen requirirt hat" ? — „Und wozu das" ? fragte Frühauf und saß wie aus den Wolken gefallen. — „Ei, Sie wissen ja — doch ich vergaß — Sie wissen es nicht. Nun, die ganze Bande vom Kruge und so weiter ist in den Bruch hinein und heut Abend werden wir, so es Gott gefällt, daS Gesindel endlich einmal im Sack haben". — „Heut"? fragte Frühauf wieder und fügte dann in ungläubigem Tone hinzu: »und dort durch die Engelöwiese in den Bruch? Aber
da führt ja kein Weg". — Ein schiefer, höhnisch lächelnder Blick fiel auS JeremiaS lichtbraunen Augen auf den Jäger. Dann kam die Antwort: „Und doch, mein verehrter Kamerad, hab' ich sie mit meinen eigenen Augen dort eintreten sehen." Frühauf jprang auf. „Ei zum Teufel, Kamerad", rief er mit gut gespieltem Enthusiasmus, „Sie sind doch ein Glückskind! So haben Sie ja den Pfad entdeckt. Lassen Sie unS nacheilen. Ich wette, wir haben jetzt diesseits freies Feld zum Nachspüren urd können einen prachvollen Hinterhalt legen". Damit wollte er forteilen.
„Na, na, sachte, Kamerad, sachte!" versetzte JeremiaS, während er ihn mit der einen Hand am Kleid faßte und mit der andern die letzte Schnitte Butterbrod zum Munde führte. „DaS könnte uns den Fang verscheuchen, und überdicß befiehlt hier ja der Controleur". — „Hm, ja", sagte Frühauf, wieder beruhigt, „aber den Eingang deS Weges könnten wir noch sondiren". Wieder überflog ihn derselbe schiese und lächelnde Blick; dann zuckte Jeremias die Achseln und sagte: „DaS kann zu nichts führen. Ich habe den Eingang selbst untersucht, aber — eS muß mit dem Teufel zugehen! — nach dem ersten Schritt ist ringsum nichts als Moor oder blankes Wasser. Also lassen Sie unS warten; so haben wir sie gewiß". — „Aber wenn sie Wind kriegen und unS durch einen andern Ausgang ganz in die Wicken gehen" ? fragte Frühauf wieder. — „Bah, woher sollten sie Wind kriegen? Und eS gibt außerdem auch nur noch Einen Ausgang, den wir gleichfalls besetzen". — „Sie sind scharf hinterher gewesen, Kamerad". — „Wie auch Sie". — „Ja, mit dem Unterschied jedoch, daß Sie etwas entdeckt haben und ich nichts", sagte Frühauf seufzend und fuhr dann gleichsam offenherzig fort: „Ich habe mich sogar an daS Gesindel gemacht, gehorcht und freundlich gethan, aber — nichts da"! — „DaS ist ein gefährlich Stück Arbeit",