Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — JVi S3
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An der Grenze
(Fortsetzung)
All dieses Unheil beschäftigte den Krüger, wie gesagt , dermaßen, daß er wenig an HauS und Familie dachte, und Georg brachte eS so aus aller Haltung, daß er überall anband und Streit suchte, und zumal gegen Frau und Dienstleute seiner Aufregung freien Lauf ließ. Else hatte den Jeremias nicht wieder gesehen und dem Förster wich sie auS. Sie isolirte sich so viel wie möglich mit ihren Gedanken und Gefühlen, und Georg gegenüber suchte sie sich eine noch stillere Ruhe, ein noch tieferes Schweigen zu bewahren. Doch zuweilen ward es ihr unmöglich. „Georg", sagte sie einmal bitter, wah, rend einer heftigen Szene zu ihm, mag Gott dir verzeihen, ich thu'S nimmermehr. Wenn ich schlecht geworden bin, so ward ich'S durch dich, durch deine teuflische Weise. Wenn die ganze Welt unS so sehen könnte, die ganze Welt müßte mich freisprechen, und hâtt' ich gegen dich eine Todsünde begangen". —
„Ja, ja", versetzte er höhnend, „du bist ein prachtvoll Stück von einem Weibe, und jetzt möchte man sich grämen, baß nicht auch die Weiber Pastoren werden dürfen, so herzbrechend schwatzest du". Und als der Alte nachher zu ihm sprach: „Du bist ein regulärer Thor. Bedenkst du denn nicht, daß alles einmal zu Ende geht und daß ein Mensch, der immer hündisch behandelt wird, zuletzt auch ein Hund wird und beißen thut"? Da erwiderte er giftig lachend: „Ei, was kann sie mir thun? Die Kröte hat ja keine Zähne". Der Alte zuckte die Achseln. „Die menschliche Natur ist verschieden", bemerkte ". „Ich hätte dir an deS WeibeS Stelle längst einmal ein Messer in den Leib gejagt, oder wäre damals, nach dei, nem nichtswürdigen Vorwurf, zum Kontroleur gegangen und hatte dich angezeigt".
Der Alte wußte nicht, wie nah er der Wahrheit kam. Diese letzten Tage hatten auS Elsens Herz und Kopf jeden Zweifel über ihr damaliges Thun , auch die letzte Möglichkeit der Reue verbannt. Damals war sie sinnlos gewesen, aber jetzt war sie bei klarstem Bewußtsein und sagte sich entschloffen und ruhig: und wenn ich's nochmals thun müßte, ich thät cs nochmals. Dahin war dieses freundliche und edle, schöne und reine Geschöpf durch Kälte und Ungerechtigkeit, durch Rohheit und Härte, durch all den Jammer und diejHülflosigkeit ihrer elenden, vereinsamten, unerträglichen Lage gehetzt worden.
So verging die Zeit. Vierzehn Tage etwa nach jenem, an dem unsere Erzählung begonnen, sagte Georg AbendS zum Alten: „Wir sind nun mit der Winter- kornernte fertig und müssen endlich einmal ernsthaft mit dem JeremiaS und den andern in's Geschirr. Bei den kleinen Transporten kommt nichts alS Dummheit heraus. Wir müssen einmal alle mit einander daran; dann füm* mern wir unS nicht um die paar Zolljapper und bringen daS" Ding mit eincmal in Gang und Richtigkeit. WaS meint Ihr zum Sonnabend, übermorgen? Morgens über die Grenze, Nachmittags im Moor, am Abend mit dem ganzen Gepäck in die Heide". — „Es mag gehen", versetzte der Krüger, „aber besser ist besser, und daS Beste, daß wir den Beamten gar nicht begegnen. Daher müssen wir vor Tag aufbrechen und nachher mögen einige Bursche von jenseits oben am kleinen Elsbruch einen Scheinversuch machen. Davon müßte der Jeremias er* erfahren".
Am selben Abend noch brachen zwei Boten nach —t und nach der Grenzstadt deS Nachbarlandes auf, um sowohl Lieferanten als Abnehmer von diesen Planen zu unterrichten. Allein der Knecht vom Krügerhofe, welcher über die Grenze sollte, war einige Tage zuvor von Georg in einem seiner Anfälle von Heftigkeit gröblich geschmäht