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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1851. 3£ S1

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An der Grenze.

(Fortsetzung)

Else ließ plötzlich den Fuß ruhen, legte die Arme in den Schooß und lehnte sich langsam an den Stuhl zurück; die hektische Nöthe ihrer hageren Wangen war fast gänzlich verschwunden, die schmalen blaffen Lippen zeigten sich fest gepreßt und aus dem krankhaft großen dunkeln Auge brach ein Blitz v-on solchem Haß und solcher Verachtung auf den höhnisch lächelnden Mann, daß dieses Schweigen und dieser Blick im Nu das Lä­cheln von seinem Gesicht jagte und ihn erbleichen ließ. Im nächsten Augenblick sprang er auf sie zu und das Spinnrad flog vor seinem Fuß bei Seite.Weib"! schrie er,noch ein solcher Blick und dir wird was du lange verdient"! Aber ihr Blick blieb immer derselbe und sie regte sich nicht.Du willst mich schlagen", sprach sie starr und langsam;nun, Mann, eS wäre der erste und letzte Schlag für mich. Schüttle deine Faust nicht so drohend, ich fürchte dich nicht! Schlag zu, und im nächsten Augenblick sitzt mir das Messer im Herzen"! Sie streckte die Hand aus und nahm ein Messer vom Heerde.Schlag' zu, herzloser Wicht"! Er holte aus mit der Faust, sie fiel, aber auf den Arm deö dazwischen springenden Alten. Dann fühlte er sich durch die Faust des Vaters ergriffen und zurückgedrâiigt.Sost ich durch dich hirnverrückten Racker Mord und Tovtschlag im Hause haben"? sprach der Krüger mit tiefer, vor Zorn bebender Stimme.Noch einmal solch ein Spektakel und du kennst mich! Da"unterbrach er sich dann, da eben draußen der Hund anschlugda sind die Bursche! Aufgeladen, Georg und fort mit euch"!

Der Sohn machte sich schweigend hinaus, der Alte MflU, Else saß todtenstill und starr. Sie saß noch so, als die Männer schon abgezogen waren und der Krüger

wieder hereintrat. Er sah sie scharf und bedenklich an, ohne daß sie es merkte. Er hatte ein beruhigendes, ver­söhnendes, herzliches Wort auf der Zunge; aber er nahm die Lampe und ging schweigend in seine Kammer. Hätte er das Wort gesprochen! ES wäre dann vielleicht die letzte schwache Scheidewand nicht gefallen und die Rache wäre nicht eingezogen in Elsens Herz. Als auch der Alte fort war und alles rings um sie still, schien sie zu erwachen. Sie setzte das Spinnrad bei Seite, sie schob die Stühle an ihre Plätze, sie stand lange und hielt die schmächtige kleine Hand fest an die Stirn gedrückt; aber der Kopf war noch immer keines Gedankens fähig. Me­chanisch ging sie in den Garten und setzte sich auf ihren Platz. Der Wahnsinn kreiste um ihr Haupt.

So traf sie JeremiaS, der umherschlich, den Krug zu beobachten. Der würdige Mann kam zwar zu spät, um den Weitertransport der Waaren zu erspähen, allein er traf Elfen und einen von den schwachen Augenblicken von denen er gleichsam prophetisch zu Freivorf gesprochen hatte. Er nahte sich ihr sanft und schmeichlerisch, aber er wurde bald durch ihre furchtbare todtcnartige Starrheit und Kälte zurückgeschreckt. Wir lesen in der Geschichte der Herenprozesse und in andern dahin einschlagenden Schrif­ten von der seltsamen Erscheinung, wo aus dem todten- artigen Körper einer Angeschulbigten oder Kranken her­vor der böse Geist sich in nur ihm eigenthümlichen, vom Wesen der Besessenen gänzlich verschiedenen Reden und Wendungen erging. Elsens Körper und Geist verharrten noch in tiefer, schier bewußtloser Betäubung, drinnen aber lebte und wogte ein böser Geist, die Rache. Die sprach aus ihr mit rauhen, harten und dennoch leisen Tönen, die enthüllte in fliegenden, klanglosen Worten alles, waS sie über Weg und Steg, über Verbindungen und Plane der Schleichhändler und zumal ihres Gatten wußte. Sie sprach, ohne zu wissen was, sie redete, ohne recht zu er-