Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — Jté 18.
An der Grenze.
(Fortsetzung)
Sie ritten rasch den Weg am Holze hinauf, fragten, wo sie Arbeitern auf dem Felde begegneten, und erhielten nur widerwillige, kalte und nichtssagende Antworten. Beim Forsthause forschten sic eben so vergeblich; der Förster war im Busch, ein paar Jägerburschen, die eben heimgekommen, wußten von nichts. So kamen sie zum nächsten Dorf, requirirten und erhielten mit Hülfe des dort stationirten Grenzjägers ziemlich schnell die gewünschten Leute und begannen das Holz abzustreifen. War aber auch der Schulze des Dorfes willig und freundlich I gewesen, die Requirirten selbst waren desto mürrischer und = langsamer, verrichteten den von ihnen verlangten Dienst > auf's lässigste und die Beamten traf mancher böse Blick. Man streifte rechts und links in den Wald, man kam zur Pfaffenwiese, wo die Begegnung stattgesunden, man suchte bis zu den Brüchen und Seen und wieder hinauf fast bis an den Krug; allein sie fanden keinen Menschen, mit Ausnahme einiger Holzträger und Beerenfammlerin- nen, die wieder von nichts wissen wollten, und selbst Spu- ; ren waren nirgends zu sehen.
Ais die Sonne niederging und sie sich mehr und mehr von der Nutzlosigkeit deS weitern Suchens überzeu- i gen mußten, beschloß Freidorf zum Paß aufzubrechen und ; die fernere Wache dem andern Jäger und Jeremias zu ^überlassen, von dessen Eifer und Aufmerksamkeit er im I Lauf des Nachmittags vielfache Beweise erhalten hatte. 6 Es ward dunkel im Walde, von den Leuten hatten sich I einige heimlich davon gemacht, die andern waren müde I und selbst der Jäger erklärte alles für beendet. „Ich I hab's gleich gedacht", sagte er zum jungen Beamten in I seiner devoten, langsam und geziert betonten Weise, „denn g bis der Herr Assistent mich trafen, waren die Schufte
sicher schon in der Heide, wo denn alles Nachsuchen umsonst seyn dürfte. Diese unsere Hetze ist aber dennoch recht gut; sie hält unser hiesiges lässiges Gesindel in Respekt und Athem und zeigt ihnen, daß wir auf den Beinen sind". Er hoffte, daß aus dem heutigen vergeblichen Suchen Gutes entstehen werde: die Leute würden sicher gemacht und liefen ihnen nächstens desto gewisser in die Hände. Ein großer Schlag stehe bevor. Er sei am vergangenen Tage in der jenseitigen Grenzstadt gewesen, habe bei den Kaufleuten und Händlern Haufen von. Trägern gefunden, Frachtwagen mit Waaren und auch einige Leute aus dieser Gegend, die als Schmuggler bekannt seien. Ihm sei die Sache jetzt ziemlich klar; die Schleichhändler haben in der letzten Zeit Unglück gehabt und daher sei es seither stiller als gewöhnlich gewesen; nun werden sie von neuem anfangen. Die Jenseitigen müssen beginnen, weil sie weniger riSkiren; da eS gut gegangen, werden die Diesseitigen bald folgen, und er, Jeremias, werde nächstens Botschaft zum Paß senden und Hülfe verlangen. Man möge nur den Frühauf wegschaffen, der nicht sicher sei. Er machte den Assistenten auf daS Benehmen des Jägers aufmerksam und regte dadurch im Kopf deS jungen Mannes Gedanken an, die dieser am Morgen, wenn auch nur flüchtig, selbst gehegt hatte. Er dachte jetzt weiter über alles Geschehene nach und die Sache schien ihm immer weniger unwahrscheinlich. Wenn wir erst über einen Menschen schlecht zu denken anfangen, finden wir in jedem Wort und Zug, in jeder, selbst der unschuldigsten und gleichgültigsten Handlung, nur zu leicht eine Bestätigung unserer Ansicht.
„Aber, Herr JeremiaS", sagte Freidorf endlich, „wie wollen Sie bei alle dem die Zeit dieses Zuges erfahren? — „Ach", versetzte er mit einem sanften, selbstgefälligen Lächeln, „wir haben unsere Quellen, Herr Assistent, und eine neue, denk' ich, wird sich mir bald erschließen. Im