Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen
1851. — ^ 17.
Zeitung.
An der Grenze.
(Fortsetzung.)
Die Leute verharrten noch immer in ihrer Ruhe, nur das Lachen verschwand blitzschnell ans den sich ver« finsternden Mienen und dieser und jener langte nach dem derben Stock. Der bisherige Sprecher aber trat an den Graben vor, legte seine Arme über den Rücken und sprach ruhig: „Ihr sagt, Ihr seid ein Beamter. DaS kann jeder sagen; Ihr tragt die Kleidung nicht und mögt uns was vorlügen. Aber Ihr könnt eS immerhin sein, daS ist egal. Laßt daS Ding da im Halfter stecken und reitet Eurer Wege. UnS könnt Ihr nichts thun ; wir sind ruhige Leute von jenseits, die ihrem Geschäfte nachgehen und einem Men» schen nur unöd*) waS zu Leide thun. Aber so müßt Ihr unS nicht kommen. Und nun adje und guten Weg"! Er wandte sich kurz um und nahm unbekümmert wieder Platz.
Freidorf starrte den Sprecher schweigend an; die Wahrheit der Worte war zu einfach und offenbar, als daß er noch länger bei seinem ersten Vorsatz hätte verharren sollen. Er war weder feig noch nachlässig, allein er sah hier nichts vor sich als seinen eigenen sicheren Tod, ohne daß dieser daS Weiterschaffen der Waaren verhin- dern konnte. So wandte er denn nach einem harten Kampf mit sich selbst sein Pferd und ritt, ohne zurückzusehen, in raschem Schritt auf den Fußsteig zurück, von I wo aus der Krüger schweigend die beschriebene Szene mit angesehen hatte.
»Vorwärts, Alter"! sagte er zu diesem, „schnell ins Dorf, daß ich Mannschaft erhalten! Hier muß ich die Schurken zwar gewähren lassen, aber ins Land sollen sie mir nimmermehr". Der Krüger lächelte. Er meinte, daS werde man doch nicht verhindern können. Die Leute
*) ein altes deutsches Wort, da« sich im Niederdeutschen erhalten hat; so viel al«: sehr ungern.
seien meistens im Felde, requiriren ließen sie sich zu solchem Geschäft nur höchst ungern; darüber werde viele Zeit vergehen und bis dahin seien die Schmuggler lange wieder auf und davon. Freidorf hörte diese Rede miß- muthig an. „Daß uns auch der Frühaufverlassen mußte"! murmelte er zürnend vor sich hin. Der Alte schritt neben ihm auf dem jetzt breiteren Pfade ; er sah flüchtig und fo.schend zu dem Reiter empor und bemerkte dann: „Nun, daS wäre ein Schuß und ein Todter mehr gewesen. Ihr seid vernünftig, Herr Assistent, daß Ihr ihnen nachgabt; die Jungen haben den Teufel im Leib". — So plauderte er weiter, allein der Beamte fühlte sich zu sehr verstimmt, um sich in ein Gespräch einzulaffen.s Auch der Krüger schwieg endlich; sie gelangten auf den Weg, den der Reiter schon kennen gelernt hatte, und kamen dann auS den Büschen inS Freie, auf den Hof. Ein Pferd war an den Ring neben dem Thor gebunden und fraß aus einer vorgestellten Krippe; Decke und Halfter so wie der am Sattel befestigte Karabiner zeigten, daß eS einem Grenz- beamten gehöre.
„DaS ist der Jeremiaö", murmelte der Alte mit einem schweren Fluch und eilte in's Haus, wohin ihm Freidorf folgte. Georg mit den Leuten war schon lange wieder zum Mähen hinaus. Im WirthSzimnier, wohin er dem Krüger nacheilte, fand er in dem Grenzjâger wider sein Erwarten eine wohlgenährte Gestalt von mittlerer Größe. Der runde Kopf zeigte nur noch wenige Haare, die indessen mit möglichster Sorgfalt über die kahle Mitte glatt zusammengestrichen waren. Glatte Wangen und breite Lippen sprachen von üppiger Genußsucht. Er erhob sich jetzt, indem er Mund und Hände am Tischtuch abwischte, langsam und anscheinend ungern. Freidorf trat rasch auf ihn zu, nachdem er Namen und Rang angegeben, zog er den sich tief Verbeugenden auf die Seite, theilte ihm eilig daS Gesehene mit und sor»