Der Wanderer.
&
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem.
1851. — 3f 16
Lied.
(Manuskript.)
Flieg' anâ mein frommes Lied Mit leichten Schwingen Und wem die Freude glüht, Dem sollst du singen!
Es hat die Welt kein Herz Für fremde Leiden, Drum sucht ein tiefer Schmerz Die Einsamkeiten.
Und wo er traurig zieht
Auf ödem Pfade, Da sing du ihm, mein Lied, Von Gottes Gnade.
Lehr ihn im dunkeln Thal
Dem Herrn vertrauen Und nach der Liebe Mahl, Dem Kreuze, schauen.
Und rinnen Thränen heiß
Von bleichen Wangen, Hast du den höchsten Preis Alsdann empfangen.
Julius Sturm.
An der Grenze.
(Fortsetzung)
So wendeten sie sich um und zogen auf einem andern, gebahnten Wege durch den Wald zurück. Vor der steigenden Sonne verstummten allmâhlig Wind und Vögel, und der junge Mann lauschte mit Vergnügen auf die Worte des Krügers, der bald von den prächtigen Jagden erzählte, die in feiner Jugendzeit hier abgehalten worden, bald berichtete, wie der allgemeine Feind auch diese Gegenden durchzogen und die Bewohner bedrückt habe, bis sie ver
zweifelnd sich gerächt. Von der Zeit würde der Wald mancherlei zu erzählen wissen, wenn nur seine grünen Zungen richtig zu sprechen vermöchten. Frühauf schritt, den Karabiner übergeworfen, schweigend neben her; der redselige Mann war seit dem plötzlichen Erscheinen des Alten ungewöhnlich still und einsilbig geworden und schien Gedanken nachzuhängen, die nicht die heitersten sein mochten.
Endlich, da sie mitten im Holz zu einer neuen Wiese gelangten, blieb er stehen, sah erst nach der Sonne, die jetzt fast über ihnen stand, dann kopfschüttelnd nach der Uhr und sagte: „Die Wege scheiden sich hier; welchen werdet Ihr kinschlagen, Krüger"? — „Den nächsten durch die Wiese", versetzte dieser. — „So leben Sie wohl, Herr Assistent", sprach Frühauf weiter und umfaßte mit einem hastigen scharfen Blick den ganzen vor ihm liegenden Raum; „ich habe noch dieß und daS zu besorgen und heute keinen Dienst beim Kruge." Und indem er an die Mütze faßte und dem Alten zunickte, ging er mit raschen Schritten den Pfad längs des HolzeS hinauf und war alsbald aus den Blicken der Nachschauendcn. Der Alte säumte gleichfalls nicht und schritt dem Reiter voran auf dem Steig durch die Wiese hin.
„Heut keinen Dienst beim Kruge? WaS heißt das"? fragte Freidorf. — „Ei", erwiederte der Alte, „der Beamte, der bei unö stationirt war, ist gestorben und sein Dienst wird bis zur neuen Besetzung vom nächsten Posten auS versehen. Sie können ja ruhige Leute nicht in Frieden lassen". — „Ihr liebt unS nicht", bemerkte der Beamte lächelnd, „daS sieht man. Und doch steht Ihr mit dem Frühauf anscheinend freundlich"? — „Weil er noch der Manierlichste ist", versetzte der Alte; „er molestirt unS nicht mehr, als er muß. Seinen Kameraden genügt das oft nicht und einige sind schlecht genug auf ihn zu sprechen."