Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — Jtë 15.
An der Grenze.
(Fortsetzung)
Da rüttelte er sich empor auS seiner Träumerei; er zog die Zügel an und sah sich bedenklich um. Vom Wege, den er gekommen, war nichts zu sehen. Da war nichts zu thun, als geduldig weiter zu reiten; beim Um# kehren konnte er sich noch weiter verirren, vorwärts hoffte er endlich doch auf einen Pfad, auf eine der Alleen stoßen zu müssen, von denen der Grenzjäger ihm bereits gesagt hatte. Er ritt also fort und nach einer Viertelstunde etwa mußte er durch eine dichte Masse von Gebüsch und Stämmen brechen; daS Pferd ging durch einen Graben, und blauen Himmel und Sonnenlicht über sich, sah er sich wirklich in einer Allee, die links in nicht großer Entfernung auf einen freien Platz zulief, recht- aber sich gerade und eben fast eine Stunde weit hinzuziehen schien und im Hintergründe anscheinend durch den Horizont be# grenzt wurde. In der Ferne sah er einen Mann daher kommen, den er, da er ihm näher ritt, bald für einen, Zollbeamten und dann als Frühauf erkannte.
Der Mann wunderte sich nicht wenig über Freidorfs Erscheinen auf einer Stelle, wo er keinen Pfad zu kennen erklärte. Er wunderte sich noch mehr, als er die Einzelheiten von des Assistenten Irrwegen vernahm, und wünschte ihm lachend Glück, daß er so schnell und gut davon gekommen. Eben so gut, meinte er, hätte er auch bis zum Abend und noch länger im Walde umher reiten können. Dann fragte er nach Freidorss Absicht bei diesem Ritt, und als er hörte, der Beamte wolle zuerst zum Posten und dann zum Wildpaß hinüber, zuckte er lächelnd die Achseln und erklärte, das Erstere sei schon möglich, da der sogenannte Posten nicht fern vom oberen Ende der Allee liege; allein von dort könne man zum Paß nicht anders als auf Jägerwegen durch den obern Wald oder
auf dem regulären Wege über jenes Dorf gelangen, dessen Krug der Assistent vor kurzem verlassen. Damit kamen sie in ein weitläuftigeS Gespräch über die Gegend und auch wieder über den Schleichhandel, und indem sie dabei bald anhielten, bald langsam dem Wege folgten, sagte Frühauf endlich: „Den Hauptschauplatz unserer vergeblichen Mühen kann ich Ihnen in der Nähe zeigen." Er führte sofort den jungen Mann links ins Holz, über einen bald bruchig und feucht werdenden Boden, an einer Wiese vorbei, die der Jäger alö die Engelswiese und als Pachtgut deS alten KrügerS bezeichnete, und indem sie endlich um einige Büsche bogen, lag unerwartet ein nicht unbedeutender See vor deS erstaunten FreidorfS Augen.
Schilf und hohes Rohr und allerlei Waffergewächse säumten nur den nächsten Rand, links dagegen trat die Wiese zwischen Gebüschpartien nahe heran, rechts zogen sich die Ausläufer des Waldes mehr und mehr bis an die Ufer, bis ins Wasser hinein, und brachen die Einförmigkeit einer ebenen Umgebung aufs Reizendste; gegenüber war alles wieder hoher, dichter Wald. DaS Wasser war wunderbar klar und still, die Sonnenstrahlen sanken tief hinein, einige Enten schossen beim Erblicken der Menschen von der offenen Flulh ins Rohr, am Ufer sah man die junge Fischbrut sich in dichten Schaaren lustig umhertummeln , hier in der Sonne ruhen, dort neckisch durch Kraut und Strauchwerk schießen. Drüben konnte man die hohen Wipfel des jenseitigen Ufers sich ruhig in der glatten Fläche spiegeln sehen.
„Hier ist die Grenze unserer Nachforschungen", sagte Frühauf endlich. „Jenseits der Wiese wissen wir durch Rusch und Busch deS WalbeS keinen Pfad zu finden, und über dem See — man heißt ihn Glockensee, weil ein Kirchdorf darin versunken sein soll — geht's auch nicht weiter. So klar er aussieht, ist er doch voll Kraut