Der Wanderer
Belletristisches Beiblatt zur
1851
An der Gränze.
(Fortsetzung)
Ihren Vater verlor sie bald; er wurde von einem j Beamten beim Schmuggeln ertappt, da er nicht stehen I und seine Waaren hingeben wollte, wie ein Waldthier an- I geschossen und gejagt, bis er, eben wie ein solches auch I im Walde verblutete. So roh und gleichgültig der Mann I auch geworden, war er doch ihr letzter Halt, ihre letzte Stütze I gewesen. Denn mit dem Fritz, der inzwischen seine Stelle ; erhalten, hatte der über sie und Georg ausgesprochene I Priestersegen alles beendet. Sie war Eheweib und ein christliches, frommes und reines Herz, und auch der För- L ster dachte nicht daran, daß man eine fremde Ehe stören I könne. Sie sahen und sprachen sich oft und ungehindert, I ohne daß ihre Ruhe sonderlich gestört worden wäre. Die I Vergangenheit war ja zu Ende und die Liebe ist bei die- I stn Leuten, äußerlich wenigstens, selten ein allmächtiges,
unüberwindliches Gefühl, und meistens, wie
die Leute
selbst, anscheinend fern von Ueberschwenglichkeit und Em
Pfindsamkeil.
Sie war also einsam und ohne Stütze,
denn in I
; ihrer Häuslichkeit fand sie keinen Anhalt. Der Krüger war von Anfang an wenig mit der armen Schwiegertochter zufrieden gewesen und hatte sich gegen sie immer kalt und ablehnend bewiesen und des Sohnes Partei genommen. Georg war eine heftige, aufbrausende und ziemlich rohe Natur, in der Schärfe und Sarkasmus - deS Vaters in Hohn und Bitterkeit übergegangen waren. Mit Leidenschaft hatte er sich dem Schleichhandel hinge- geben, und durch die bei diesem Leben und Treiben unvermeidlichen und natürlichen Auftritte von ewiger wechselvoller Aufregung und räuher Wildheit war er endlich da- gekommen, sich nur in solcher Bewegung, bei solchem ; Treiben wohl und heiter zu fühlen, und war selbst immer
heftiger und leidenschaftlicher, immer wilder und roher geworden. Wenn dann Zeiten eintraten, wo der Handel aus diesem oder jenem Gründe eine zeillang ruhen mußte, wenn ihn und seine Gesellen gar hin und wieder einmal Unfälle betrafen, trieben ihn Unthätigst, Aerger und Ungeduld zu immer heftigeren und wilderen Ausbrüchen, und Schelten und Drohen, Zank und Streit füllten seine Tage. Und da er dieses Wesen gegen den strengen Vater nicht auslassen konnte und bei den Dienstleuten gewöhnlich keine Gelegenheit dazu fand, so übte er eS entweder gegen einen seiner Gefährten oder gegen die Frau, welche letztere ihm in der That auch mehr als einen Anknüpfungspunkt und mehr als einen Grund zum Zürnen darbot.
In Betreff der Wirthschaft von der liebesblinden Mutter nur lässig erzogen, konnte Else sich nicht immer in den ganzen Kreis einer oft kleinlichen Thätigkeit hineinfinden, und fand sich um so weniger hinein, als sie nur mit Schelten und rauhem Tadel angetrieben, kaum jemals belehrt wurde. Sie fühlte selbst, daß sie Stoff genug zum Tadel dem bot, der allein das rein Praktische und den Augenblick und darin selbst das Kleinste peinlich beachtet; aber sie fühlte auch, daß selbst was sie in bester Absicht und mit wirklicher Tüchtigkeit verrichtet hatte, mit derselben Härte, mit der gleichen Unbilligkeit gescholten wurde. Da regte sich denn Trotz und Härte in ihr, die sie sonst nie gekannt und die ihr in andern Verhältnissen vielleicht immer fremd geblieben wären; denn ihr Charakter war offen und weich gewesen, und durch die Liebe, Theilnahme und Sorgfalt eines tüchtigen freundlichen Mannes hätte er zu allem Guten und Schönen erstarken können.
Von Liebe indessen und Theilnahme war zwischen den Gatten nie die Rede gewesen; jetzt war aber bei ihm auch daS Wohlgefallen an ihrem Aeußcrn in der Gewohnheit deS täglichen Umgangs zu Grunde gegangen; er übte keine Schonung mehr und verfolgte sie jetzt auch