Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — jf 10.
An der Gränze.
(Fortsetzung)
DaS junge Weib saß einsam, allein mit der Bitter, feit seines Herzens, mit seinem verlorenen und vergräm? ten Leben, mit schweren, trüben Gedanken. Der Mond war noch nicht aufgegangen, aber die Sterne leuchteten und die Nacht lag im durchsichtigen Dämmer schön und mild. ES regte sich nicht ein Hauch, weder in der Lust noch im Walde, auch daS letzte Flüstern war erstorben zwischen den geschmeidigen langen Zweigen, und da- be, bende Laub schlief auf seinen schwanken Stielen. Sie hatte sich zurückgelehnt an den Stamm und die schmächtigen Arme über die Brust gekreuzt; âus dem aufwärts gerich, leten Gesicht schauten die prächtigen großen dunkelgrauen Augen still zur Höhe. Zuerst waren in der Ferne ein paar dumpfe Schüsse gefallen; nun aber hörte sie nichts als das Schwirren eines Nachtfalters und daS harte Klopfen ihres HerzenS; sie sah nichts als die schwarzen dürren Zweige, die der Baum über sie hinstrcckie, und hoch drüber den weiten, von den Sternen matt erhellten Himmel. Da saß sie nun und dachte.
Sie war ein glückliches Kind gewesen, der einzige Sprößling im behaglichen Hause wohlhabender Eltern, gehegt und gepflegt als die Krone und daS Kleinod deS Lebens nicht allein, sondern auch deS Wohlstandes, die Schönheit und der Liebling deS Dorfes. Der alle Schul- meister ihrer Heimalh war so gut vernarrt in sie, wie all die übrigen, und da er zufällig ein ziemlich gebildeter Mann war, brachte er ihr mit Lust und Liebe alles Wissen seines Kopses bei. Denn er sah sie beschenkt und bevor- jugt von.allen Andern, er wollte nicht zurückbleiben und nannte, wie ein rechter deutscher Schulmeister, nichts auf der Welt sein, als die Armuth, sein Wissen und eine Leiche Erfahrung. Das gab er ihr hin und sie war sein
Stolz; allein an die Folgen hatte er nicht gedacht, sonst hätte er ihr vermuthlich zu dem gewöhnlichen kümmerlichen Unterricht nur noch den Segen seines liebevollen Herzens milgegeben. Sein Geschenk gereichte ihr nicht zum Glück, wenigstens nidt zu dem, welches darin be- stehen soll, daß man daS Leben gleichmüthig und gedankenlos hinnimmt und trägt, wie es kommt und wie eS geht. DaS wenige, waS er ihr geben konnte, genügte, sie weit über Ansichten und Leben ihres Landes, ihrer Zeit und Umgebung zu erheben, Gefühle in ihrem Herzen und Gedanken in ihrem Kopfe zu wecken, die ihr sonst der Traum nicht vorgespiegelt hätte, die sie für gut und richtig halten mußte, und dennoch nirgends verwirklicht fand, noch selbst zu verwirklichen im Stande war. Mit einem Wort — eS war für sie daS zweideutige Geschenk der Elfen: ihre Augen wurden hell für Schätze und Qualen, die den Andern verborgen waren und von denen sie die Einen doch nimmer erreichen, den Andern niemals auSweichen konnte.
Und dennoch wäre eS vielleicht noch zu ihrem und der Ihrigen Glück auSgeschlagen, wenn um ihr Herz und Leben eine volle reiche Liebe ihre glänzenden magischen Kreise geschlungen hätte, eine Liebe, wie sie dieselbe erhoffte und wie sie ihr damals nahe war. Denn sie erneuerte die Bekanntschaft mit ihrem Spielgefährten Fritz, der einige Jahre lang die Jägerei in der Ferne erlernt hatte und nun in der nahen Försterei alS Gehilfe ange- stellt war. Die Sache nahm ihren einfachen Verlauf, die Bekanntschaft ward zur Liebe, die Eltern sahen es so gut wie jeder und sprachen nicht dawider, denn das Mädchen hatte Geld und der Bursche die Aussicht auf einen guten Posten. — Aber der Hof, den die Eltern bewohnten, brannte eines TageS ab, da die meisten Bewohner im Felde waren; gereitet ward wenig oder nichts und 8 mer# Versicherung fand für ländliche Gebäude damals noch nicht