Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — ^F 7.
An -er Gränze.
(F o rst setzuiig )
Ein kräftiger, noch junger Mann ging mit raschem Schritt den übrigen voraus, trat zu dem Kreise unter den Baum, grüßte den Alten mit einem „guten Abend, Vater" und die andern mit einem kurzen Nicken, hing die Sense an einen Pflock in der Wand des Hauses und ließ sich dann auf einer Bank nieder. „Na", sagte er endlich und warf den flachen breitkrâpigen Hut auf den Tisch, fuhr mit der Hand über die gebräunte heiße Stirn und ließ die scharfen Augen die Gäste überfliegen, „da find' ich ja reichlich Gesellschaft. Du auch da, Förster? Ja, wie immer, ich seh'S schon! Und der liebe Frühauf, und —" — „ Da ist der neue Assistent auf dem Paß und heißt Freidorf", unterbrach ihn der Vater, indem er auf den Genannten deutete. „So, so, schon wieder ein Neuling" ! fuhr der Sohn mit höhnischem Lächeln fort. „Ich weiß nicht, was die Herren da oben nur denken mögen, wir haben das Land voll und sie schicken immer mehr". — „Darnach fragt Ihr die Herren bei Gelegenheit am besten selbst" bemerkte Freidorf, der sich durch den Ton des Redenden gereizt fühlte. „Sachte, Herr Assistent, ärgert Euch nicht" ! entgegnete der vorige mit rauhem Lachen. „Ich bin gar nicht neugierig und meinetwegen mägen sie tausend schicken; mir ist's egal. Else! Weib"! ries er dann, „kannst du mir keinen Schluck Bier bringen" ? Und aufspringend fuhr er fort: „ich muß nur selbst darnach sehen, der Person wegen kann ich verdursten". Damit stürmte er in'S Haus und gleich darauf konnte man seine harte scheltende Stimme vernehmen.
Undeffen waren die Leute zu dem Gefäß mit Wasser geeilt, und indem einige die Früchte heraussuchten, andere sich mit den nassen Blumen und Bändern neckten, noch andere sich einfach die Hände wuschen, drängten alle sich
näher und näher heran; von den Gästen hatten sich auch einige jüngere Leute munter hinzugemacht und der Kreis und das Treiben, das Jubeln wuchs, bis endlich dieser oder der, um sich Raum zu schaffen, oder nur des Scherzes wegen mit vollen Händen das Wasser zu verspritzen begann. Nun ward Lärm und Treiben groß und wild. Man neckte und haschte sich, man jauchzte und schrie; alle sprizten, alle suchten sich gegen die übrigen zu schützen , die Mägde kamen nicht zum besten davon und theilten ehrlich wieder aus. DaS Gefäß ward hierher und dorthin gezogen, der Wirbel zog sich über den Hof, die Gäste bekamen gleichfalls eine flüchtige Sprühe und selbst der Krüger ging nicht leer aus, bis daS Wasser zu Ende war, das Gefäß zur Seite gesetzt wurde und die Theilnehmer sich triefend und mit den Blumen oder Bändern prunkend hier und dorthin verloren.
„DaS ist nun hier so Gesetz," sagte der Alte lachend, als er Freidorf sich einige Tropfen abtrocknen sah; „wer heißt Euch auch just am ersten Tag der Ernte bei und anlangen? Mügefangen, mitgehangen."
Darüber war die Dämmerung bereits stark herein- gebrochen, die Gäste erhoben sich, um sich nach Hause zu begeben, auch der Förster ging davon und Freidorf mit dem Grenzjäger folgte dem vorangehenden Alten, um die Abendmahlzeit einzunehmen. Vom Thor auS erstreckte sich mitten durch das HauS die breite geräumige Tenne, rechts lagen Stallungen und Getreide- und Futterrâume, links schloß sich unmittelbar der weite offene Platz der Küche an. Trotz dieser alterthümlichen Einrichtung war jedoch auch hier schon manches verändert worden; der Boden der Tenne und Küche war mit einer guten festen Decke versehen und in den Wänden der letztern sand man nichts mehr von jenen Schiffskojen ähnlichen Nischen, in denen die Bewohner sonst ihre Lagerstätten aufzuschla- gen pflegten, und von wo die Hausfrau den ganzen in*