Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — ^ 3.
An der Gränze.
(Fortsetzung)
Freidorf hatte seine Mahlzeit beendet; er zündete sich nun eine von den Zigarren an, die der Alte Herbeige- bracht und in einem Glase auf den Tisch gestellt hatte. „Sei Gott, mein Hieber Wirth", sagte er dann und lehnte sich nach einem tiefen Schluck auS seinem Glase behaglich zurück, „es sitzt sich hier ganz gemüthlich. Al- I lein wie findet Ihr nur Eure Rechnung bei solchem gu# I ten fremden Wein und so trefflichen Zigarren? ES liegt doch ein hoher Zoll darauf und Euer Wirthshaus scheint ziemlich abgelegen und in einem eben nicht reichen Lande".
„Hm"! erwiederte der Krüger, „das Land ist nicht so schlecht und gibt dem, der eS Pflegt, sein gutes Aus- I kommen. Und wir haben eS auch manche Jahre lang gehabt. Allein, Herr Assistent" — er betonte scharf den Titel — „wenn mein Nachbar Strobel oder ein anderer auS dem Dorf sein Glas Französischen trinkt und seine Pfeife bei mir füllt, so erhält er zwar gute Waare , aber doch nicht dieselbe wie Ihr. Dafür seid Ihr aber auch ein königlicher Beamter, könnt' mehr aufgehen lassen und müßt mehr honorirt werden. Und was den Zoll betrifft, von dem Ihr sagtet — was geht unS der Zoll an" ?
„Und doch liegt Euch das Zollamt sozusagen vor der Nase", bemerkte der Assistent — „Nun ja, und dann"? (gab der Alte zur Antwort; „ist der Herr ein Kind an Erfahrung und hat noch nie vom Schmuggel gehört"? — „Wohl", versetzte Freidorf und ein tiefer Ernst lagerte sich Plötzlich auf dem freien, verständigen Gesicht und verdüsterte die klaren Augen, „wohl, ich kenne das, weiß daß er hier stark im Gange ist, und glaubte bisher ben» /no$ nicht, daß man das Ding so offen bespreche, und
daß königliche Diener nicht allein ruhig zuhören, sondern auch darüber wie über etwas sich selbst Verstehendes lachen". Er verbeugte sich leicht gegen die beiden anderen Gäste. Der Grenzjäger aber schüttelte leise den Kopf und sagte: „Sie kennen hier die Verhältnisse noch nicht". — „Das scheint so —" bemerkte der Alte und machte sich kaltblütig mit Stahl und Stein Feuer für seine Pfeife. — „Unrecht ist überall Unrecht und Gesetzlosigkeit allenthalben strafbar"! rief Freidorfheftig. „Wer sagt mir, daß nicht auch dieser Wein, diese Zigarre geschmuggelt sind, ich also schon gewissermaßen mich gleichfalls eines Verbrechens schuldig gemacht habe"?
„Ja", sagte der Krüger wieder mit derselben unzerstörbaren Kaltblütigkeit; „Ihr gehört zu denen, Herr Assistent, die alles in der Welt nur mit dem guten Auge betrachten wollen, und wenn sie dann einmal auf dieß und daS stoßen, was ihnen weniger gut scheint, sozusagen auS dem höchsten Himmel fallen und geblendet auch daS Nächste und Natürlichste übersehen. Ihr bleibt hier bei unS und ich kann daher Euch heul schon sagen, waS Ihr morgen doch von einem Andern erfahren werdet. — Seht au, eS wird viel geschmuggelt längs der ganzen Grenze trotz aller Bemühungen der vielen Beamten; denn sie können das Revier, und gerade dieses Revier, nie zur Genüge besetzen. Und dennoch werden viele Waaren aufgefangen und konfiSzirt. Was soll nun daS Zollamt mit diesen Vorräthen beginnen? Der Transport in's Inland ist zu theuer und macht sich nicht bezahlt; da man in den naheliegenden Städten mit Schmuggelwaaren versehen ist, bedankt man sich für höhere Preise; hier bei unS geht das eben so, und wenn nun das Steueramt nothgedrungen mit den Waaren räumen und Auktionen anstellen muß, so bezahlt dann für die meist noch etwas verlegenen oder auch sonst hart mitgenommenen Gegenstände kein Mensch auch nur einen Pfennig mehr, als er