Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem.
1851. — .M S
An der Gränze.
(F o r t s e d u n g )
Endlich war der junge Mann auf dem schlecht gepflegten und bestaubten Grasplatze angelangt, der die Linde umgab. Er stieg langsam vom Pferde und indem er den feuchten Hals seines den Kopf senkenden ThierS klopfte, sagte er zu dem herantretenden Alten: „Wenn Sie der Wirth sind, so sagen Sie mir, ob ich Stallung und Futter für mein Pferd und Speise und ein Lager für mich haben kann, denn wir sind beide mit unsern Kräften gänzlich zu Ende gekommen". — „DaS merk' ich", erwiederte der Alte; „der Gaul da ist mächtig herunter. Allein nehmen der Herr nur Platz, man wird euch beive schon unter die Arme greifen". Damit faßte er die Zügel und führte daö Thier ins Haus.
Der Ankömmling warf sich erschöpft auf die Bank und lehnte sich müde an den Stamm der Linde zurück. „Was zu viel ist, ist zu viel", sagte er. „Bon solchen Strapazen hab' ich mir nichts träumen lassen. Und nun zuletzt noch das Gewitter, welches so drohend herauf kam! Das Schicksal hatte eS heut einmal böse mit mir im Sinn". — „Ei", bemerkte der Förster mit einem leichten Lächeln, „wenn das Unwetter hier zu Lande über uns kommt, geht eS freilich nicht sanft her; aber Sie, mein Herr, brauchen vor dem da auf Ihrem Wege keine Angst zu haben. Sehen Sie", fuhr er fort und deutete k hinauf, wo die schweren Wolken eilig seitwärts zogen und I nur hin und wieder einige große Tropfen fallen ließen;.- „was so daher kommt, geht selten tiefer in's Land, es muß hinaus über die See". — „Nun ja", erwiederte der junge Mann mit Lachen, „so wäre ich der Wäsche entgangen ; aber gebacken und gedörrt bin ich wie die Pflaumen im Herbst".
Der Krüger war inzwischen zurückgekehrt und hatte auf seinem frühern Sitz, einem seitwärts liegenden Holzklotz, wider Platz genommen. „Warum in aller Welt", fragte er nun, „kommt Ihr denn auch durch die Heide? Habt Ihr denn in —t keinen einzigen Freund gehabt, der Euch rathen konnte"? — „Nun ", entgegnete der Angeredete und wandte sich in seiner Antwort etwas gegen den Gräuzjäger, „ich heiße Freidorf und bin —" — „ES ist ein Herr Ihres Namens kürzlich zum Assistenten bei dem Hauptzollamt am Wildpäß ernannt worden", unterbrach ihn der sich erhebende Grenzbeamte und faßte an die Mütze". „Wenn der Herr dieß etwa sein sollte, ich bin der Jäger Frühauf und auf dem ersten Nebenposten stationirt". — „Schon gut", sagte Freidorf und nickte dem andern freundlich zu, „ich bin allerdings jener Assistent, aber bleiben Sie ruhig sitzen."
Der Krüger betrachtete den Beamten mit einem scharfen finstern Blick. „Ihr seyd also ein Zollbeamter"? fragte er, „und zwar auf dem Wilkpaß? Da weiß ich wirklich nicht, weßhalb Ihr nicht den geraden, ebenen Weg eingeschlagen und Euch lieber durch die Heide gequält". — „Das wollte ich vorhin sagen", bemerkte kalt der junge Mann, dem Ton und Blick des Alten nicht behagte. „Ich weiß, daß der Schmuggel gerade in diesen Gegenden ziemlich scharf gehen soll, und da ich noch einige Tage Urlaub habe, wollte ich dieses Revier doch auch einmal sehen. Ich wußte freilich nicht, daß eine solche Wüste davor liegt". — „DaS hat man von der Neugier und Ungeduld", sagte der Krüger ruhig und legte phlegmatisch die in kurze schwarze Lederhosen und weise Strümpfe gekleideten kräftigen Beine übereinander. Der Ton und das Wesen deS alten Mannes nicht nur, sondern auch der beiden andern hatte sich, seit der Stand deS GastcS entdeckt worden, gänzlich verändert und eine gewisse Unbehaglichkeit schien alle erfaßt zu haben. Freidorf fühlte