mit dem Kreisblatt für den KrelS Marburg
Tageszeitung für (das früher kurhessische) Oberhessen
JE 233
Die „Oberhessilcke Zeitung" erscheint sechsmal Wöchentlich. — Der Bezugspreis beträgt monatlich 1.60 X. frei ins Hau»; bnrch die Poft 1.75 X. ohne Bestellgeld. — Verlag »an Dr. €. Hiheroth. — Druck der Univ »Buchdr. von Joh. Bug. Koch. Markt 21/23. — Fernsprecher 55.
Marburg
Montag, 6. Ottober
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um das der an- Er-
Willen, alles zu tun, was in ihren Kräften steht, ter Ränrnungspslicht nachzukommen. Sie muß auf schärfste Verwahrung dagegen einlegtn, daß in Rote des Marschalls Foch Zwangsmaßregeln hedryhi werden, die rez-uecken, Deutschland durch
■rucrung der Blockade die Lebensmittelzufuhr abznschnei- den. Die alliierten und assoziierten Regierungen dursten Mt vergessen haben, daß gerade die Hungerblockade «Mit nur den Tod Hnnderttausender Frauen. Kinder und Kranken verschuldet, sondern auch durch Schwächung der Arbeitsfähigkeit infolge chronischer Unterernährung nicht Nm geringsten Teile die Zersetzungserscheinnutze n verschuldet bat, unter denen Deutschland zur fielt so schwer leidet. Die deutsche Negierung drückt vielmehr die zuversichtliche Erwartung aus, daß die alliierten .tob assoziierten Regierungen ihren guten Willen anerken- ■m und denient'vrechend von unmenschlichen Kriegsmaß- tuhmen gegen die deutsche Zivilbevölkerung, die doch Kinessalls die Mitschuld an dem Verhalten der Truppen tot Osten trifft, Abstand nehmen werden. Um aber auch den alliierten und assoziierten Regierungen die Möglichkeit Pi geben, sich von dem nachdrücklichen Ernst ihres Vor- tzelens zu überzeugen, ersucht die deutsche Regierung sie, Mit ihr in eine Beratung der notwendigen Maßnahmen pnzutreten. Zn diesem Zwecke .dilngt sie nie schleunig: Bildung einer aus deutschen Vertretern einerseits und »lliiertei! und assoziierten Vertretern andererseits gebilde- Itn Kommission vor. Nach Ansicht der deutschen Negierung wäre c,s deren Ausgabe, nach Prüfung der 6a di läge die Maßnahmen zur schleunigen Durchführung tu treffen, zu überwachen und durchzusetzen. Die deutsche Regierung bittet, ihr eine baldige diesbezügliche Mitteilung togeben zu taffen.
Zwei Befehle Noskes.
wb B e r l i n, 4. Okt. Der Reichstvebrminister er- Keß folgende Befehle an das A. O. K. Nord:
Im Hinblick auf die verschärften Forderungen der Wntentc muß jede Rücksicht ans erneuten Einbruch der Bolschewisten in Lettland hinter der beschleunigten Räumung des Baltikums zurücktreten. Alle Angehörigen des 6. Rescrvekorps sind zn belehren, daß es ihre Pflicht ist, gegenüber den Befehlen der Reichs- «gierung die Heimat vor den von der Entente bereits eingeleiteten folgenschweren Maßnahmen zu bewahren. Es wird daher in Ergänzung des Befehls vom 30. 9. ungeordnet: 1. Tie Truppen des 6. Reservekorps sind unverzüglich mit der Bahn und durch Fußmarsch bis in die Gegend von Schaulen zurückzuführen. Die Bahn ist in erster Linie für den Abtransport von Material zu benutzen. Bon Schaulen ist die geschlosfenr T^ansvortbewegung der gesamten Truvpen nach Deutschland einzuleiten Munition und Kriegsgerät, das, ohne den Abmarsch der Truppen zu verzögern, nicht abbe- sördert werden kann, ist zu vernichten, soweit Gefahr dorliegt, daß es den Bolfchewisien zugutekommt. Hierbei lind bei dem Rückmarsch der Truppen sind alle Zerstörungen oder Beschädigungen der Telegraphenleitungen, der Eisenbahnen, Brücken und sonstigen staatlichen oder Privaten Eigentums unbedingt zu vermeiden, soweit nicht dringende Rücksicht auf die etwaige Gefechtslage eine Abweichung erfordert. 2. General v. d. Goltz hat zu 1) die •Munetf-büiM. Sk fehle ui er tatst n UN- die Bewegung vor
9it MmN itr iallllStn Miele. Die deutsche Antwortnote.
I Wb. Berlin, 4. Eft. In der Frage der Rän- «nng des Baltikums ist General N u d a n t folgende Mote für die Westmächte übergeben worden:
' In Erwiderung der Note 1755 G vom 28. September feit die deutsche Regierung den größten Wert auf die Fest- ßellung, daß sie dauernd auf das Energischste bemüht ist, die Truppen ans dem Baltikum und Litauen heraus- |M liebe«. Sie hot zu diesen Zwecken üngrochnrt, daß len Truppenteilen, die dem Abmarschbefehl keine Folge festen, die Löhnung sowie alle tünftigen Bersorgungsan- stnüche gesperrt werden. Um fernerhin jeglichen Zuzug |e verhindern, wurde die deutsche Grenze gegen Kurland geschlossen und der Befehl gegeben, auf Truppen, Mt trotzdem diese Linie überschreiten, zu schießen. Auch U jeder Nachschub an Munition strengstens untersagt. Senerat Graf von der Goltz ist von seinem Posten »hberufen worden. An seiner Stelle übernimmt bis Mr völligen Durchführung des Rücktransportes General- fatlnant v. Eberhardt den Oberbefehl über sämtliche Roch östlich der Meichsgrenze befindlichen Truppen, schließlich erließ die deutsche Regierung an die Truppen tinen Aufruf, der sie zur Pflicht zurückruft und ihnen kindrinalich vorstellt, welche unabsehbaren Gefahren und Leiden sie über ihre Volksgenossen heraufbefchmören. wenn sie in ihrem Ungehorsam beharren. Alle bicfe Maßregeln fetten die deutsche Regierung auch in dem Urteil der tfiiiertcn und assoziierten Regierungen vor dem unberech- tifiten Vorwurf schützen, daß sie die Widersetzlichkeit der feiil'chen Truppen als Vorwand benutzte, um ihre Verrichtung zur Räumung der ehemals russischen Gebiete »nerfnllt zu lassen. Die alliierten und assoziierten Regierungen haben hinreichenden Einblick in die durch den Jfriedensvertrag bedingte Lage Deutschlands, um zngeben |a müssen, daß der deutschen Regierung weitere militärische Zwangsmittel nicht zu Gebe je stehen. Was den Eintritt deutscher Truppen in russische Formationen betrifft, so steht die deutsche Negierung diesem Vorgang durchaus ablehnend gegen- |6er. Sie hat ihre Auffassung den Beteiligten auch wiederholt und unzweideutig zum • Ausdruck gebracht. Fegend eine Ermächtigung zu solchem llebertritt hat sie niemals gegeben. Die deutsche Regierung hat den festen
Uebergabe der Geschäfte an Generalleutnant v. Eberhardt einzuleiten. 3. Allen Heeresangehörigen, die dem Abmarschbefehl nicht Folge leisten, sind keine Gebührnisse mehr zu zahlen.
Den sämtlichen unterstellten Truppen, insbesondere denen im Baltikum, ist telegraphisch zu befehlen: Der Uebertritti „russische Diensteistverboten. Bisher übergetretene Deutsche' sind durch Vermittlung der russischen Kommandostellen zur Rückkehr in die deutschen Formationen aufzuforderu. Die Rückkehrer sind wegen des vorherigen Uebertritts zu den Ruffen nicht nachträglich zur Rechenschaft zu ziehen. Der llebertritt von heute ab ist strafbar; die Richtrückkehr bringt den Verlust aller deutschen Ansprüche mit sich.
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Bit Annahme de; znedeamestwr I» der skM'Mtu Kammer.
Nach langen und scharfen Wortgefechten hat die französische Kammer den Friedensvertrag von Versailles mit großer Mehrheit angenommen. Der französische Senat wird etwa in vierzehn Tagen dasselbe getan haben, so daß dann dem Kriegszustand zwischen Frankreich und Deutschland ein Ende gemacht sein wird. Wirkungskraft erhält der Vertrag allerdings erst nach der Ratifizierung durch drei der Verbündeten. Dies wird der Fall fein, sobald die Vereinigten Staaten von Amerika oder Italien dem Beispiel Englands und Frankreichs gefolgt sind. Die Frage, welche der beiden Mächte dies sein wird, ist heute noch ebenso unentschieden wie der Zeitpunkt.
Das deutsche Volk wird sich um so »her in Geduld fassen können, als es ja aus dem berufenen Munde des Herrn Cl^menceau weiß, daß ein wesentlicher Unterschied in den Beziehungen zwischen uns und den Westmächten auch nach dem Inkrafttreten des Friedensvertrages nicht .eintreten wird. In dieser Erkenntnis hat sich, wie es scheint, schließlich auch die Opposition in der französischen Kammer etwas beruhigt. Cl<-menceau ist bezeichnenderweise in der Kammer wegen der angeblichen Schwäche seiner Politik angegriffen worden. Der Abgeordnete Varthou und seine Gruppe und einzelne Politiker wie der Abgeordnete Leftzvre waren der Ansicht, daß Deutschland nicht in dem wünschenswerten Maße militärisch vernichtet fei. Sie hätten es am liebsten gesehen, wenn unsere Wehrkraft bis zum allerletzten Rest erstickt worden wäre, um uns jede Möglichkeit zu nehmen, uns jemals wieder auszurichten. Demgegenüber hielt Clömen- ceau den Friedensvertrag für ein vorzügliches Instrument, um diese Absicht mit Hilfe von Bundesgenossen durchzuführen und bekannte sich in diesem Zusammenhang zu dem Grundsatz: der Friede ist die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. War Barthou für den einmaligen tödlichen Ver- nichtungsschlag, so Clssmenceau für das Offenhalten der blutenden Wunde, die uns dauernd schwächen soll. Wie man sieht, ist zwischen beiden Methoden, soweit wir in Betracht kommen, kein allzu großer Unterschied. Hier wie dort sollen wir erledigt fein. Es kann Deutschland zur Belebung und Kräftigung des Willens zum Wiederaufstieg nur recht sein, daß auf französischer Seite wenigstens kein Zweifel darüber gelassen ist, welchem Zweck das sogenannte „Friedens"-Jnstrument dienen soll.
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Die Furcht vor dem entwaffnete« Deutschland.
wb. Paris, 3. Okt. (Havas.) Die Kammer nahm mH allen Stimmen den Kommissionstext des Antrages Lefevre an. Er sieht von der durch die Friedenskonferenz vorgeschlagenen Fassung ab, indem er sagt, daß der Vertrag selbst verbessert werden müsse, denn er gestatte Ebert, die Fortdauer der deutschen Rüstun- gen zu rechtfertigen. Lefevre stellt fest, daß die Wiederaufrichtung der deutschen Armee, die über 600 000 bÄ 800 000 Mann verfüge, ihren Fortgang nehme. Um ein Ueberhandnehmen dieser Macht auSzuschließen, müsse die Herstellung von Geschützen vollständig unterdrückt werden. Lefövve fordert die Regierung auf, mH den Unterzeichnern des Friedens Vertrages in Verhandlungen einzutreten, um Deutschland in jeder Form zu Verbindern, den Krieg von neuem zu beginnen. Als Tachin einwirst, daßdieArmeevonderGoltzin Litauen anscheinend absichtlich von den Berbündeten unterstützt würde, erwiderte Clemenceau, das sei falsch. Tardieu erklärte, als die französischen Delegierten völlige Unterdrückung der deutschen Artillerie verlangten, fei von den Berbündeten eingewendet worden haß die? unmöglich sei; denn man könne sich nicht an die Stelle Deutschlands setzen, um seine territoriale Sicherheit zu gewährleisten.
Der Mederaufbau der französische« Bergwerke.
tob. Versailles, 5. Ost. Die Kommission der deutschen Bergbausachverständigen hatte in der Zeit vom 23. bis 25. 9. von Versailles aus eine Rundfahrt zur Besichtigung der beschädigten Bergbaugebiete Nordfrankreichs unternommen. Tie Kommission war in zwei Gruppen geteilt. Diese wurden von je einem französischen Offizier und einem französischen höheren Bergbeamten
geführt. Gruppe 1 besuchte die Grubenselder des Departements Pas de Calais, Gruppe 2 die Grubenfelder des Departements du Nord. Die Aufgabe der Kommission bestand darin, sich einen Ueberblick über die in den beiden Departements in den Bergwerken während des Krieges erfolgten Zerstörungen und ein Bild für die Beteiligung der Deutschen am Wiederaufbau der Bergwerke zu verschaffen. Sie fanb bestätigt, daß der Wiederaufbau sich im allgemeinen verwickelt gestalten wird. Im östlichen Teil der Gebiete waren die beschädigten Bergwerke zum größten Teil schon wieder im Wiederaufbau begriffen. Einige Schächte förderten bereits wieder, und bei manchen steht dir tot $c nächsten Monate zu ti>
warten. Allgemein kann man sagen, daß die östliche,' Telle in etwa zwei Jahren, die westlichen in 6—8 Jahren wieder vollkommen hergestellt sein werden. Die Kom- mission hatte den Eindruck, daß die an die französischen Grubengesellfchasten herangetretenden Ausgaben bei dem Wiederaufbau so bedeutet» sind, daß sie die deutsche Hilfe in Anspruch nehmen werden. Diese Hilfe wird sich besonders auf Anfräumungsarbeiten, Schachtreparaturen, Eisenkonstrustiouen, Lieferung von Maschinen, Ban von Koksöfen einschließlich Nebenproduktengewinnung, Betriebsgebäuden, Arbeiterwohnhäusern in Form ganzer Kolonien erstrecken können.
Der Bölkerbundsrat.
rob. Versailles, 6. Okt. Der „Temps" glaubt, daß am 12. Oktober die erforderlichen drei Ratifikationen verbündeter Großmächte vollzogen sein werden und daß dann der Rat des Völkerbundes werde zufammentreten können. Er habe in einer Anzahl wichtiger Fragen sofort Entscheidungen zu treffen. Er muffe namentlich innerhalb 14 Tagen nach Inkrafttreten des Friedensvertrages 3 oder 5 Mitglieder ernennen, die mit einem französischen und einem deutschen Delegierten die Kommission zu bilden hätten, um die Grenzlinien des Saargebiets festzusctzer^ Außerdem habe er die 5 Mitglieder der Regierung des Saargebiets zu bestimmen sowie deren Präsidenten. Schließlich habe der Rat des Völkerbundes den hohen Kommissar für Danzig zu ernennen. Aus all diesen Gründen müsse die Einberufung des Rates des Völkerbundes dem Inkrafttreten des Friedensvertrages unmittelbar folgen, und diese Zusammenkunft müsse auch dann stattfinden, wenn der Friedensvertrag in Amerika noch nicht ratifiziert fei. Demgegenüber bemerkt der „Intransigeant", man glaube, daß der Rat des Völkerbundes nicht, wie Clemenceau in feinem Briefe an Oberst House gewünscht habe, im Monat November, sondern erst zu Beginn des kommenden Jahres zusammentreten könne.
Die Ratifizierung durch Italien.
wb. Versailles, 5. Okt. Nach Privatmeldungen des „Mätin" aus Rom hat der Ministerrat beschlossen, vom König zu verlangen, daß er von dem Recht, das ihm die Verfassung gibt, Gebrauch machen soll, um die Friedensverträge mit Deutschland und Deutsch-Oesterreich vorbehaltlich der späteren Genehmigung des Parlaments für ratifiziert zu erklären.
tu. Haag, 5. Okt. Der australische Senat hat den Fricdensvertrag ratifiziert. Ferner nahm er eine neue Militärvorlage an, die ein kriegsmäßig ausgerüstetes Heer von 145 000 Mann vorsieht.
tob. Versailles, 6. Okt. Wie die französischen Blätter meßen ,hat Guatemala den Friedensvertrag mit Deutschland ratifiziert.
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Amerika.
Senat und Friedensvertrag.
tob. Washington, 4. Okt. Der Senat lehnte, wie Reuter meldet, alle Abänderungsanträge deS Senators Fall ab, mH Ausnahme des Antrages, in dem der Vorschlag enthalten ist ,baß Amerika in dem Ausschuß für die Wiedergutmachung nicht enthalten sein soll.
tob. Amsterdam, 4. Okt. DaS Pressebüro Radio me&et: Senator Hitchcock erklärte, das Ergebnis der Abstimmung über den Abänderungsvertrag des Senator- Fall beweise, daß der Senat entschlossen sei, den Frie- bentoertrag nicht an die Pariser Friedenskonferenz zurückzuweisen. Senator Lodge erklärte, die Abstimmung b-weife schlagend, daß der Vertrag durch die Vorbehalte der Radikalen abgeändert werde» müsse, da er sonst, mit weit mehr als dafür benötigten Stimmen, 33 Stimmen, abgelehnt würde. Dies stehe fest, denn man hätte nie erwartet .daß der Abänderungsantrag Fall, der der schwächste aljer Abänderungsanträge sei, von soviel Senatoren unterstützt würde. Der „Star" schreibt: Bei der Abstimmung über den Abänderungsantrag Fall handle es sich eigentlich um die Frage ,ob der Fricdensvertrag an die Friedenskonferenz zurückverwiesen werden solle. Bon 88 anwesenden Senatoren stimmten 58 gegen die Rückverweisung und 80 dafür.
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tob. Amsterdam, 4. Okt. Der „Telegraaf" meldet auS London, daß mit Ausnahme feiner Familie niemand Wilson besuchen darf. Der Besuch König Alberts wurde abgelehnt. Offenbar leidet der Präsident an einer äußerst schweren Nervenzerrüttung. / \
WH» nb grauM
Die Elsässer sind ein eigenartiges und eigenwilliges Volk. Man konnte bei ihnen vor dem Kriege viel hochgewachsene Söhne dieses Stamme» finden, die ihrer Dienstpflicht bei der preußischen Garde genügt hatten. Nicht ohne Stolz pflegten sie auch daheim noch die Potsdamer oder Berliner Erinnerungen, ließen sich durch diese aber nicht abhalten, in politischen Dingen abseits des Reichs- L§dgnkens zu sichen. . Der Oppositionsgeist steckt ihnen tief im Blut. In der ganzen Zeit der Fran» zosenherrschaft haben die breiten Volksschichten ihr Deutschtum behauptet und den Französierungs- bestrebungen Widerstand geleistet, der Pariser Politik auch sonst so manche Schwierigkeit bereitet« Als sie wieder zu Deutschland gekommen waren, standen sie der deutschen Regierung ebenso feind, lich gegenüber wie bis dahin der französischen. Ihr Streben ging allezeit nach einer Sonder siel, lung, und es scheint, daß es für die elsässische Frage keine andere Lösung gibt, die nach dem Empfinden des elsässisihen Volkes auf die Bezeich- nung einer Lösung Anspruch erheben kann, als eben die Gewährung der selbständigen Sonderstellung zwischen Deutschland und Frankreich.
Die Franzosen hatten es bei Kriegsausgang leicht, die elsässische Volksseele zu gewinnen; denn die Kriegserfordernisse hatten es mit sich gebracht, daß dem Grenzlande recht große Schwierigkeiten und politische Beengungen auferlegt waren. Diese Fesseln konnten fallen, und die neuen Herren kann» ten dem Lande zugleich mit billigen Nahrungsmitteln nach eu er lang n Zeit der Entbehrungen dienen. Aber die erste Freude verrauschte schnell, und kaum un er französische Herrschaft gelangt, fühlten die Elsässer sich nun plötzlich wieder alsDeutsche, die von den Franzosen in ihrer Muttersprache vergewaltigt wurden. Jncbesondeie die elsässischen Sozialisten, die in Deutschland den. Militarismus und Kapitalismus bekämpft hatten, aber die Vorteile der deutschen Sozialpolitik doch sehr gern genossen, fühlten wenig Neigung, einem viel ausgeprägteren französischen Militarismus und Kapitalismus zu dienen und auf die sozialpolitisch tiefere Stufe des französischen Industriearbeiters herabzusteigen. Sie haben gegen den Versailler Frieden lebhaft protestiert und die parlamentarische Fraktion der französischen sozialistischen Partei seiner Zeit aufgefordert, in der Kammer gegen die Genehmigung dieses Friedens zu stimmen. Der Pariser Nationalrat der französischen sozialistischen Partei hat die Erklärung der Elsaß- Lothringer mit großem Beifall ausgenommen. Der Kolmarer Sozialist Erumbach, der sich während der Kriegszeit in den Dienst der französischen Propaganda gestellt hatte, hat seinerseits in jenem sozialistischen Nationalrat in sehr charfen Tönen die französische Politik gegenüber dem Elsaß gegeißelt. Auch in ihm bäumte sich der alemannische Eigenwillen gegen eine Politik, die den Elsässern französisches Recht und französische Sprache aufzwingen will. Er erging sich in Ausdrücken der Empörung über das Verhalten der französischen Militärverwaltung im Elsaß und gegen französische Eefinnungsschnüffelci. Er beklagte lebhaft, daß die Franzosen Lehrer nach dem Elsaß geschickt, die kein Wort deutsch verstehen, und Richter, die nach dem deutschen bürgerlichen Gesetzbuch urteilen sollen, ohne es zu kennen.
Die sozialistische Presse in Frankreich hat auch ihrerseits lebhaftes Bedenken geäußert, ob e» Frankreich gelingen wird, im Elsaß moralische Eroberungen zu machen. Ja, es wurde hier und da angedeutet, daß von Elsässern gezogene Vergleiche mit der Vergangenheit doch wohl zu Ungunst«« Frankreich» würden ausschlagen können. Rach allen vorliegenden Anzeichen ist die Stellung der Elsässer zu Frankreich heute nicht sympathischer, als sie ftüher Deutschland gegenüber war. Dabei ist aber ein großer Unterschied im Auge zu behalten. Zur Zeit der deutschen Herrschaft wurden die Elsässer von den Franzosen aufgewiegelt und in ihrer gewohnheitsmäßigen Unzuftiedenheit bestärkt. Heute ist gar k e i n e Rede davon, daß um- gekehrt die Elsässer von den Deutschen gegen Nr Franzosen gehetzt werden könnten. Aehft >)vch ben „Altdeutschen" im Elsaß heute zede Spur von Bewegungsfreiheit. Die Eichen Gegenströmungen von heute entspringen also durchaus der wirklichen unverMchten Volksauffassung.
Die Elf^r al» Volksmasse sind während der ganzen A^anzosenherrschast früherer Zeiten nichtz im französischen Meere untergetaucht. Sir beuten heisse ebenso wenig daran, sich ihre elsässische Sigenas und ihre deutsche Muttersprache nehmen zu las- ikn. Zwar stteben sie n ich t zurück nach dem Deutschen Reich, andererseits find fie aber auch weit davon entfernt, fich 'in die Arme der Franzose« ja werfen. Ihr alemannisch-eigenwilliger Geist stre^