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mtl dem Krcisblatt für den Kreis Marburg

Tageszeitung für (bas früher kurhessische) Oberhessen

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DirOberdrss'icke Zeitung" erscheint sechsmal wöchentlich. Der Bezugspreis beträgt «onntlich 1.60 A. frei wt Hmis; durch die Post 1.75 A. ohne Bestrllaeld Berlaq von Dr. C. Hitzeroth. itiiettt 21/23. Ferniprecher 55.

Marburg

Monlliq, 23 J»ni

ISDDDHOH

1919

Der Anzeigenpreis betrögt sör die 8z«iv Seile 30 4 < 83V,?, Tr«minu<,uifd LI p j q-#.-» 4'i , amtl. u. auswärt. 40 4 25,»/,Lenrruni,»zvtchl. 50 -, Vetlamezelle i' ' .50.4. 3eh« Rabatt gilt al» Barradalt. Bei Dusk.d. dir 6t|45Hi|L «.!<«.

mittig, t*. Angeb. 25 4- Kvndergebihr. Pcstfckrckk.: Br. fiClt Ämt Fr i u».a. M

Iit NatioillilvttslluiüiliiW über die

FkikKiiSvcftlligcs.

j- flm Samstag ist, tote vorausgesehen, noch ein geurs Kabinett gebildet toorben, um die Annahme des pirdensvertrages zu ermög'ichen. Die Demokraten fiitb aus der Regierung ausgeschieden, da sie sich zur fcmabme nicht entschließen konnten. Das Kabinett A durch Zentrum und Mehrheilssozialisten gebildet Horben. Danach hat dann die deutsche Natioualver- kinrnlang gestern Nachmittag den Antrag des neuen Wlbinetts auf Annahme des Friedensvertrages mit »roßer Mehrheit angenommen. PH. Scheidemann, her erste Ministerpräsident der neuen Deutschen Repu- jtit hat das Wort gesprochen, die Hand möge ver- börren, die diesen Vertrag unterzeichne, und die go- stmte Aationalverkammlimg hat ihm bis aus die unab­hängigen Sozialisten zngesubelt. Gestern hat sich für den wenig oder garnickt abgeänderten Vertrag eine Mehrheit ergeben, allerd'ngs mit einer Einschränkung Deutschland lehnt danach das W'enntnis zur Schuld en Kriege ab und weigert sich Deutsche der Entente mtsznkieserit. Angesichts de^en, was toir bereits .beute Btr die tieserliegenden Ursachen tote über den Aus lruch deS Krieges wissen, hätte Deutschland sich wider testeres Wisse» mit der Schuld beladen müssen, von btt die Führer der Entente wohl wissen auf wessen Echulter« sie liegt, wenn sie auch ein solches Einge ßändnis Deutschlands zur weiteren Ge'chichtsfäNchung »oi allem ihren Völkern selbst gegenüber wobl gebrau­ten wnnien. Deutschland hat Unrecht, weil es den Krieg verlor. Der Sieg Englands rechtfertigt sogar bie Blockade, das wissen wir nun. Anerkennen werden dir den Grundsatz aber doch nicht, denn es wäre Büge und Se b'che'chimpfung. Was die Auslieferung her militärischen und politischen Führer Deutschlands, bie die Entente in einer Menge von über 120 vor ihr Gericht" stellen will, betrifft, so stelle man sich vor, baß Deutschen zugemutet wird, etwa Hindenburg zu derhaften, nm ihn einem Ententegerich'süof zuzusübren. Eie aber heute morgen bekannt wurde, verlangt die ßutente von unS auch dies. Sie lehnt die Einschränk- tmg, die die Nationalversammlung gemacht hat, ab.

Die Männer, die gestern ihr Ja in der National­versammlung abgegeben, haben eine schwere Verant­wortung auf sich genommen. Sie haben in dieser Zn- ßnnmung wohl die einzige Lösung gesehen, die Deut^ch- lmd Bsrrchigtmq und unter den g'geberen Umständen bie alleinige Mög ichk it zur Erhal ung de'sen, was Ke Entente von dem ehemalig"« Deutschen Reich übrig lassen wollte, geben könne. Ob sie recht gesehen haben, Kuß die Zukunft lehren. Weite Kreise sind der gegen fettigen Ansicht. Es darf aber nicht außer acht ge­lassen werden, daß dieser letzte Akt des Dramas doch schließlich nichts anderes ist als der Schlußstein einer Eirischen Entwickelung, die viel früher begann, die igertrnq aus Ereignissen, die heute grundlegend m noch zu ändern waren. Man hatte sich int Jahre 1917 den Frieden anders gedacht. Wilson entwarf das krogramm des Fri"dens ohne Annexionen und Ent- Hsdigrrngen, de^Völkerbundes usw. Wohl warnten biete Stimmen in Deutschland: die geschichtliche Ersah- Umg sprach dagegen, daß ein solcher Kamps auf Leben tab Tod mit einem Frieden einer selchen Verständi- tznng enden könne. Demgegenüber wußten Männer feie Erzberger, daß sie mit einem Verzichtsriedenspro- tzramm in der Tasche in zwei Stunden mit Lloyd George Frieden schließen könnten!! Sie fanden Glauben.

Das deutsche Volk, das wohl fühlte, daß es sich in feinem Kamps in ungeheuer schwieriger Lage befand, durch bie Blockade aufs Schwerste erschüttert, sah in Eilsou den Bringer einer neuen Weltanschauung ttnb legte die Waffen nieder. Es folgte in unmittelbarem Zusammenhänge der militärische und poliii'che Zickam- Aeu-bruch noch immer hoffte das Volk, daß Wilsons Zusage eS nicht enttäuschen würde. Selbst die Härte des Waffenstillstandsvertrages machte es nicht irre an feinem neuen Helden Wilson, der Frieden werde ja ganz Anders aussehen. Wie er aussieht, wissen wir heute. $5 ist hier nicht der Ort im einzelnen auszusühren, daß dieser Frieden kein Rechts-, sondern ein Gewalt­frieden erster Ordnung ist» wie noch keiner je geschlos- fen; und nur unverbesserliche politische Kinder können Mnehrnen, daß er die Aera desewigen Friedens" kinleite.

Wenn man allein an die Bestimmungen denkt, die len Osten in Deutschland und Oesterreich angehen, so fst man versucht anzunehmen, daß er gerade hier den Stieg verewigen will. Anders kann man die Balkanisierung des Ostens garnicht auffassen. Die tuen Völker der Tscheche-Slowaken usw. haben ja bereits deutlich gezeigt, wie sie unbekümmert um ihre politischen Väter, sich die Zukunft denken. Aus ihrem Programm steht als erster Punkt: .vampf geaen den Nachbarn. Und daß die polnische Lösung für Deutsch­land nicht endgiltig ist und seinAann, darüber dürste ber deutsche Osten keinen Augenblick einen Zweifel lassen.

Nachdem nun alle Illusionen, denen der Deutsche sich so gerne hingibt, verflogen, ist Deutschland ge- Kringen, den Dingen gerade ins Äuge zu sehen. Es in keinem Zweifel unterliegen, daß wir politisch Knb wirtschaftlich vernichtet sind, daß an eine Zeit fevhiger Arbeit nicht zu denken ist, daß der Friede fens von neuem in schwere soziale Krisen stürzen muß.

sehen, wir wollen uns aber hüten schon heute wieder neuen Wahngebilden nachzujagen. Wir werden ge­zwungen fein, diesen Friedensvertrag restlos zu er­füllen, dafür wird die Rachsucht unserer maßlosen Feinde sorgen. Die Hoffnung freilich 6'e'bt uns, das gerade die Maßlosigkeit dessen, das man uns zumutot, letzten Eudes den Bogen zum Zerspringen bringt. Mil Erstaunen sieht man, wie selbst die kluge Politik Englands in diesem Friedensversagt, von Frankreich ganz zu schweigen. Uno nur in Italien be­ginnt es zu tagen, wie wenig dieser glorreicheRechts"- fricbe im Stande ist, die Geschicke der Völker zu regeln. Dem deutschen Volke aber möge in dieser nun folgenden schwersten Zeit »der Führer erstehen, der ihm in der Kriegszeit zu seinem Unheil gefehlt bat, das allein kann man in diesen schweren Tagen Hof en.

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J« KtzWMM.

Sitzung vom 22. Juni 1919.

Das Haus ist stark besetzt. Die Tribünen sind überfüllt. Präsident Fehlens ach eröffnet die Sitzung kurz nach 12% Uhr.

Tagesordnung: Entgegennahme einer Erklärung der neuen Reichsregierung.

Reichsministerpräsident Bauer: Als Mitglied der bisherigen Regierung kann ich deren Tätigkeit keine Anerkennung zollen. Wohl aber kann ich den ausscheidenden Mitgliedern, insbesondere dem Mi­nisterpräsidenten Scheidemann Worte warmen Dankes für ihre hingehende und aukopferungsvolle Tätigkeit nicht versagen, ebenso der Friedensabord­nung. (Beifall links.) Der Rücktritt des alten Kabinetts erfolgte, weil sich d-e Ansichten über den Friedensentwurf scharf gegenüber standen, aber nicht getrennt nach Parteien, sondern getrennt nach dem Verantwortlichkeitsgesühl jedes einzelnen Mini­sters. Unendlich schwer war für uns alle der Ent fchluß, der neuen Regierung beizutreten, bereit erste und letzte Aufgabe es sein muß, den Unrechtsfrieden abzuschließen. Die Not von Pwn und B"lk haben uns zusammengeführt. Wir butficn Ui.f:rc Mit­arbeit nicht versagen, wenn wir nicht Gefahr lau­fen wollten, Deutschland einem regierungsloset. chaotischen Zustand zu übe^lallen, aus dem es keine Rettung gegeben hätte. Wir stehen nicht aus Parteiinteressen und noch weniger aus Ehrgeiz an dieser Stelle, wir stehen hier aus Pflichtgefühl, aus dem Bewußtsein, daß es unsere verdammte Schul­digkeit ist, zu retten, was zu retten ist. Die Nicht­teilnahme der Demokraten an der Regierung be­dauern wir außerordentlich. Unsere bisherigen de­mokratischen Kollegen waren uns loyale und wert­volle Mitarbeiter. Das Programm des neuen Kabinetts wird dasselbe bleiben, das der Regierung Scheidemann zu Grunde gelegen hat. Die Reichsregierung kann nur zu gut verstehen wenn angesichts der Friedensbedingungen unserer Gegner eine Helle Empörung den Einzelnen und die Gesamtheit fortreißt. Aber wenn ich bei der Uebernahme meines schweren Amtes eine Bitte aussprechen darf, so ist es die, lassen Sie die Frage der Annahme oder Ablehnung nicht zur Parteisache werden. Glauben Sie onk chet Ge'te nicht, daß die Besürwortee der Ablehnung volksfremde Chauvinisten oder Interessenpolitiker seien, die einen Vorteil ihrer Klasse oder des Geldbeutels in der Ablehnung verfolgten, glauben Sie aber auf der anderen Seite auch nicht, daß diejenigen, die sich notgedrnngen und unter Selbstüberwindung zur Annahme durchgerungen haben, feige oder schlapp seien, und keinem Gefühl für nationalse Rechtsbe- wußtfein haben. Die Zeit der Erwägungen und Abwägungen ist vorüber. Die Stunde des Han­delns ist gekommen und damit die Stunde der Per, antwortnng. An dieser Verantwortung trägt jeder von Ihnen fein Teil. Die Reichsregierung ist sich vollkommen bewußt, daß die Zustimmung ihrer Mehrheit sie wohl im demokratischen Sinne ent­lasten kann, aber sie weiß ebenso, daß sie vor Volk und Geschichte nut eine wahrhafte Rechtfertigung erhalten kann, wenn sie rückhaltslos nach Prüfung der Sachlage aus Verantwortung entscheidet und nicht nach Parteistimmungen schielt.

Glauben Sie mir, wir hoffen, in diesem Sinn geprüft und entschieden zu haben, angesichts der Gegner und her Zukunft unseres Volkes und unter der notwendigen Berücksichtigung des Willens der Nationalversammlung. In einem sind wir alle einig, in der schärf st enVerurteilungdes uns vorgelegten Friedensvertrags, zu dem wir unter unerhörtem Zwang unsere Unterschrift jicben follen, Um Montag Abend. soll

der Krieg aufs neue beginnen, wenn nicht unser Ja gegeben wird. Es soll der Vormarsch beginnen zu dem jedes Mordinstrument bereitsteht gegen ein wehrloses und waffenloses Volk, das nur zwei Eek> 01e kennt; nach Außen wieder gut­machen und nach Innen seine im Zu­sammenbruch errungene Freiheit auszubauen. In dieser Stunde auf Leben und Tod unter drohendem Einmarsch erhebe ich zum letz­ten Mal in einem freien Deutschland Protest gegen jeden Vertrag der Gewalt und Vernichtung, Pro­test gegen die Verhöhnungen des Selbstbestirn- rnuugsrechtes, gegen diese Vernichtung des deutschen "olk.s, gegen d'cfe neue Bedrohung des Weltsrie- drns unter der Maske eines Friedeusnrrtroges. Wer kann sich noch Demokrat und Sozialist nennen und erbebt sich nicht gegen dies« Ai'«-^entuna? Wer kann sich noch Pazifist nennen und kämpft nicht bis zum letzten gegen diesen Friedensvertrag, gegen diese Kriegserklärung? Keine Unterschrift ent­kräftet diesen Protest, den wir für alle Zukunft er­heben und fchwören. (Beifall.)

Die Regierung hat davon abgesehen, aus der fast unübersehbaren Reihe mehr oder minder un­erträglicher Bedingungen eine oder die andere noch abzuhandeln. Dieser Vertrag verliert seinen ver­nichtenden Cbarakter nicht durch Veränderungen in den Einzelheiten. Die Regierung muß dem Rechnung tragen, daß sie das Volk nicht in 48 Stun­den vor eine neue Krise stellen kann, denn die Ab­lehnung wäre keine Abwendung des Vertrages. Ein Rein wäre nur eine kurze Hin­ausschiebung des Jas.

Unsere Widerstandskraft ist gebrochen. E i n Mittel für biei Abwendung gibt es nicht. Wohl g'bt der Vertrag selbst uns eine Handhabe, die wir uns nicht entreißen lasten kön­nen, die feierliche Zusage der Verbündeten in ihrem Memorandum vom 16. Juni, daß die Revision des Vertrages von Zeit Zeit ein treten und eher den nu eingetretenen Vehrältnisten angepaßt werden kann.

Im Namen der Reichsregieruug habe ich zu er- kläre«, daß in Würdigung aller dieser Umstände und vorbehaltlich der Ratifikation durch die Na­tionalversammlung die Regierung sich entschlossen hat, den Friedenvvertrag unterzeichnen zu lasten, indem sie den Gegnern unumwunden erklärt: nie­mand kann dem deutschen Volk zumute«, einem Friedensinstrument zuzustimmen, durch das ohne Befragung der Besölkerug lebendige Glieder vom Reich abgetrennt, die deutsche Staatshoheit dau­ernd verletzt und dem deutsche« Volke unerträgliche wirtschaftliche und finanzielle Lasten auferlegt werden sollen. Wenn sie jedoch unter Vorbehalt unterzeichnet, so betont sie, daß sie der Gewalt weicht in dem Entschluß, dem unsogbar leidenden deutsche« Volk einen neuen Krieg, bie Zerreißung seiner nationalen Einheit durch weitere Besetzung deutscher Gebiete, entsetzliche Hungersnot für Frauen und Kinder und unbarmherzige längere Zurückhaltung der Kriegsgefangenen zu erspare«. Die Regierung verpflichtet sich, die Deu'schland auf­erlegte« Friedensbediugunge« zu erfüllen. Sie will sich jedoch in diesem feierlichen Augenblick mit rückhaltloser Klarheit äußer«, «m jedem Vorwurf einer Unwahrhaftigkeit entgegenzutreten. Die aus», erlegte« Sebingungcn überschreiten das Maß' dessen, was Deutschland tatsächlich leisten kann, und wir lehnen jede Verantwortung ab, wenn die Undurchführbarkeit auch bei schärfster Anspannung der deutsche« Leistungsfähigkeit in Crif.einung tre­te« muß. Wir erNären ferner, daß wir den Artikel des Friedensvertrages, der von Deutschland for­dert, sich als alleiniger Urheber des Krieges zu be­kennen, nicht annehme« könne« «nd durch die Unterschrift nicht decken. Ebensowenig kann es ein Deutscher mit seiner Wurde und Ehre vereinbaren, die Artikel nnzuuehme« und auszusühren, in denen Deutschland zugemutet wird, Angehörige des deut­schen Volkes zur Aburteilung anszuliefer«. Des­halb werden wir die Vollmacht zur Unterzeichnung in folgender Form geben: Sie Regie ung tzcr deut­schen Republik ist bereit, den Friede« z» unter­zeichnen, ohne damit jedoch anzuerkennen, daß das deutsche Volk ter Urheber des Krieges sei und ohne eine Verpflichtung nach Artikel 227 bis 230 des Frrrdensvertr.ages zu übernehmen.

Ich bin am Ende. Wer so über die düsterste Stunde im Leben seines Volkes sprechen mutz, der scheut sich fast vor dem Vorwurf der Schönfärberei, wenn er seinen Glauben an eine Aufhellung, an die endliche Verwirklichung einer besseren Zukunft

zum Ausdruck bringen will. SB i t stehen vor Arbeitsjahren für fremde Rechnung, mie nie ein SBolboot uns. Nur Dank einer Vertragstreue bis zur Grenze unseres Könnens, nur aus aller Enifchlos- senheit und Zusammenbleibrn in der deuischen Schicksalsgemeinschaft, nur aus dem Willen zur Arbeit in allen Schichten, nut mit Disziplin, so schlimm dieses Won heute vielen klingt, und Pflichtbewußtsein kann aus dieser Stunde noch eine Zukunft für uns erwachsen. Es gibt keine Wunder­mittel «nv keine Märchen für die Gesundung eines Volkes. Selbst die Weltrevolution kann der Krankheit nicht olhelfen. an der wir hinüeck-en. Nur der Revolution unseres sittlichen Bervunt» seins wird es gelingen, aus Nacht und Finsternis zu einer bcstere« Zukunft emporzusteiaen. (Beifall.)

Präsident Fehrenbach: Es sind zwei An­träge eingegangen. Der erste Antrag Schulz (Soz.) und Gröber (Zentr.): Die Nationalveriammiung billigt die Erklärung der Regierung und fprichr ihr . das Vertrauen aus. Der zweite Antrag: Tie Na­tionalversammlung billigt die Haltung der Regie­rung in der Frage der Unterzeichnung des Frie­densvertrages.

Abg. Löbe (Soz.l: Wie auch die National- , Versammlung entscheidet, nicht nur unseren Kin­dern, sondern auch unseren Kindeskindern wird ein bitteres Schicksal beschiedcn sein. Materiell ver­armt, moralisch niedergedrückt, geistig gefesselt, geht das deutsche Volk durch das Tor des Fricdeus- vcrtrages in die dunkelste Zukunft voller Sorgen und Leiden. Niemals wird die Schuld an diesem Kriege ausgelöscht werden. Fürchterliche Gewissen« plagen werden die quälen, die an diesem Krieg schuld waren. Wenn wir dafür sind, daß dieser Friedensvertrag unterzeichnet wird, so tun wir es nur um deswillen, weil wir nur Fürchterliches ahnen, falls er von uns adgelehnt wird. M i t schwerstem Herzen nach unausgesetz­ten Verhandlungen, nach reiflicher Prüfung aller Folgen, haben wir uns doch zuletzt entschließen müssen, dieses Friedensinstrument hinzu­nehmen. Der Kapitalismus und der Imperia­lismus haben diesen Krieg hervorgerufen. Wir sind der Ueberzeugung, daß auch die Feinde zu der Erkenntnis gelangen werden, daß diese Friedens­bedingungen nicht zur Tat werden können. Wir verlangen, daß die Negierung mit der früheren Unwahrhaftigkeit im Verkehr der Völker endlich bricht. Die Absicht einer offenen oder versteckten Nichtbeachtung der Friedensbedingungen darf nie­mals auftauchen. Im schreienden Gegensatz zu allen Grundsätzen bestehen die feindlichen Staats­männer auf der Unterfertigung dieses ^in wesent­lichen Teilen undurchführbaren Friedensvertrages. Gäbe es ein Mittel, die undurchführ­baren Friedensbedingungen von uns fern 3u halten, keiner von uns würd ' zögern, von ihm Gebrauch zu machet. Aber es gibt keine Möglichkeit. Wenn wir also die Annahme des Friedensverlrages billigen, so sind wir bereit, alles zu tun, um die Bedingungen bis an die Grenze des Möglichen durchzuführcn. Was unmöglich ist. muß in friedlichen Verhandlungen durch verständiges Entgegenkommen beseitigt wer­den. Niemals mehr als in dieser Stunde empfin­den alle Glieder unserer Partei, daß wir bei voller Treue zur Internationale, zu unserem Volk flehen und daß wir bereit sind, für unser Volk cinzu stehen und ihm alles Zu opfern. Wir tretet ein für Eroßdeutschland. In dieser Schicksals stunde verlangen wir für einebessereZeitdieVereinigungmil unsere« durch noch ärgere Friedens- beding u^y gen niedergedrückten Brü­dern und Schwestern in den Sudeten­ländern, wie in Wien und Klagen­furt, in Bozen und Meran. Je tiefer das deutsche Volk niedergedrückt ist, desto treuer werden die deutschen Arbeiter zu ihm fteljen; geführt durch die Ideale des Sozialismus, gestärkt durch die Not wird die deutsche Abtiterklasie, trotz dr? Un­erhörten, was der Fricdensvertrag ihr 31:mutet, alles an die Wiedergeburt des deutschen Volkes setzen. Wir wollen nicht mehr gefürchtet werden non Feinden, sondern geachtet und geliebt von Freunden. Die Welt liegt in Trümmern. Wir wollen sie neu airfrichten helfen. Hm Geiste de: Völkervcrsöhnung auf der Grundlage des Rechts :m Bund mit der ewigen Idee der CcrechtitzkrU. J