Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung
1850. — .M 307
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Aus dem Leben eines Taugenichts.
(Schluß).
„Nun denn," sagte Herr Leonhard, „Fräulein Flora, die hier so eben thun will, als hörte und wüßte sie von der ganzen Geschichte nichts, hatte in aller Geschwindigkeit ihr Herzchen mit Jemand vertauscht. Darüber kommt ein Andrer und bringt ihr mit Prologen, Trompeten und Pauken wiederum sein Herz dar und will ihr Herz dagegen. Ihr Herz ist aber schon bei Jemand, und Jemands Herz bei ihr, und der Jemand will sein Herz nicht wieder haben, und ihr Herz nicht wieder zurück geben. Alle Welt schreit — aber du hast wohl noch keinen Roman gelesen?" — Ich verneinte es. — „Nun, so hast du doch einen mitgespielt. Kurz: daS war eine solche Konfusion mit den Herzen, daß der Jemand — daS heißt ich — mich zuletzt selbst inS Mittel legen mußte. Ich schwang mich bei lauer Sommernacht auf mein Roß, hob daS Fräulein als Maler Guido auf das andere, und so ging eS fort nach Süden, um sie in einem meiner einsamen Schlösser in Italien zu verbergen, bis daS Geschrei wegen der Herzen vorüber wäre. UnterwegeS aber kam man uns auf die Spur, und von dem Balkon des wälfchen Wirthshauses, vor dem du so vortrefflich Wache schliefst, erblickte Flora plötzlich unsere Verfolger." — „Also der buckliche Signor?" — „War ein Spion. Wir zogen uns daher heimlich in die Wälder, und ließen dich auf dem vorbestellten Postkurse allein fortfahren. DaS täuschte unsere Verfolger, und zum Ueberfluß auch noch meine Leute auf dem Bergschlosse, welche die verkleidete Flora stündlich erwarteten, und mit mehr Diensteifer als Scharfsinn dich für das Fräulein hielten. Selbst hier auf dem Schlosse glaubte man, daß Flora auf dem Felsen wohne, man erkundigte sich, man schrieb an sie — hast du nicht ein Brieschen erhalten?" — Bei diesen Worten
fuhr ich blitzschnell mit dem Zettel aus der Tasche. — „Also dieser Brief?" — „Ist an mich," sagte Fräulein Flora, die bisher auf unsere Rede gar nicht Acht zu geben schien, riß mir den Zettel rasch auS cher Hand, überlas ihn und steckte ihn dann in den Busen. — „Und nun", sagte Herr Leonhard, „müssen wir schnell in daS Schloß, da wartet schon Alles auf uns. Also zum Schluß, wie sich's von selbst versteht und einem wohlerzogenen Romane gebührt: Entdeckung, Reue, Versöhnung, wir sind alle wieder lustig beisammen, und übermorgen ist Hochzeit!"
Da er noch so sprach, erhob sich plötzlich in dem Gebüsch ein rasender Spektakel von Pauken und Trompeten, Hörnern und Posaunen; Böller wurden dazwischen gelöst und Vivat gerufen, die kleinen Mädchen tanzte^ von neuem, und auS allen Sträuchern kam ein Kopf über dem andern hervor, als wenn sie aus der Erde wüchsen. Ich sprang in dem Geschwirre und Geschleift ellenhoch von einer Seite zur andern, da es aber schon dunkel wurde, erkannte ich erst nach und nach alle die alten Gesichter wieder. Der alte Gärtner schlug die Pauken, die Prager Studenten in ihren Mänteln musizirten mitten darunter, neben ihnen fingerte der Portier wie toll auf seinem Fagott. Wie ich den so unverhofft erblickte, lief ich sogleich auf ihn zu, und embrassirte ihn heftig. Darüber kam er ganz auS dem Konzept. „Nun wahrhaftig, und wenn der bis an'S Ende der Welt reist, er ist und bleibt ein Narr I" rief er den Studenten zu, und blies ganz wüthend weiter.
Unterdeß war die schöne gnädige Frau vor dem Rumor heimlich entsprungen, und flog wie ein aufgescheuch- teS Reh über den Rasen tiefer in den Garten hinein. Ich sah eS noch zur rechten Zeit und lief ihr eiligst nach. Die Musikanten merkten in ihrem Eifer nichts davon, sie meinten nachher: wir wären schon nach dem Schlosse