Der Wanderer
Belletristisches Beiblatt zur
Allgem. Zeitung.
1850. — Jf 306.
Aus dem Leben eines Taugenichts.
(Fortsetzung)
Da war ein Duften und Schimmern und Jubiliren von allen Vöglein; die Plätze und Gänge waren leer, aber die vergoldeten Wipfel neigten sich im Abendwinde vor mir, als wollten sie mich bewillkommnen, und seitwärts aus dem tiefen Grunde blitzte zuweilen die Donau zwischen den Bäumen nach mir herauf.
Auf einmal hörte ich in einiger Entfernung im Garten singen:.
Schweigt der Menschen laute Lust:
Rauscht die Erde wie in Träumen
Wunderbar mit allen Bäumen,
Was dem Herzen kaum bewußt,
Alte Zeiten, linde Trauer,
Und es schweifen leise Schauer
Wetterleuchtend durch die Brust.
Die Stimme und das Lied klang mir so wunderlich, und doch wieder so allbekannt, als hätte ich's irgend einmal im Traume gehört. Ich dachte lange, lange nach. — „Das ist der Herr Guido" ! rief ich endlich voller Freude, und schwang mich schnell in den Garten hinunter — eS war dasselbe Lied, daS er an jenem Sommerabend auf dem Balkon des italienischen Wirthshauses sang, wo ich ihn zum letztenmal gesehn hatte.
Er sang noch immer fort, ich aber sprang über Beete und Hecken dem Liede nach. Als ich nun zwischen den letzten Rosensträuchern hervor trat, blieb ich plötzlich wie bezaubert stehen. Denn auf dem grünen Platze am Schwanenteich, recht vom Abendroth beschienen, saß die schöne gnädige Frau, in einem prächtigen Kleide und einem Kranz von weißen und rothen Rosen indem schwarzen Haar, mit niedergeschlagenen Augen, auf einer Steinbank und spielte während des Liedes mit ihrer Reitgerte vor sich auf dem Rasen, gerade so wie damals auf dem
Kahne, da ich ihr das Lied von der schönen Frau Vorsingen mußte. Ihr gegenüber saß eine andre junge Dame, die hatte den weißen, runden Nacken voll brauner Locken gegen mich gewendet, und sang zur Guitarre, während die Schwäne auf dem stillen Weiher langsam im Kreise herumschwammen. — Da hob die schöne Frau auf einmal die Augen, und schrie laut auf, da sie mich erblickte. Die andere Dame wandte sich rasch nach mir herum, daß ihr die Locken inö Gesicht flogen, und da sie mich recht ansah, brach sie in ein unmäßiges Lachen aus, sprang dann von der Bank und klatschte dreimal mit den Händchen. In demselben Augenblick kam eine große Menge kleiner Mädchen in blüthenweißen, kurzen Kleidchen [mit grünen und rothen Schleifen zwischen den Rosensträuchern hervorgeschlüpft, so daß ich gar nicht begreifen konnte, wo sie alle gesteckt hatten. Sie hielten eine lange Blumenguirlande in den Händen, schloffen schnell einen Kreis um mich herum und sangen dabei : „Wir bringen Dir den Jungfernkranz re."
Daö war aus dem Freischützen. Von den kleinen Sängerinnen erkannte ich nun auch einige wieder, eS waren Mädchen auS dem Dorfe. Ich kneipte sie in die Wangen und wäre gern auS dem Kreise entwitscht, aber die kleinen schnippischen Dinger ließen mich nicht heraus. — ich wußte gar nicht, was die Geschichte eigentlich bedeuten sollte, und stand ganz verblüfft da.
Da trat plötzlich ein junger Mann in feiner Jäger, kleidung auS dem Gebüsch hervor. Ich traute meinen Augen kaum — eS war der fröhliche Herr Leonhard l — Die kleinen Mädchen öffneten nun den Kreis und standen auf einmal wie verzaubert, alle unbeweglich auf einem Beinchen, während sie daS andere in die Luft streckten, «nd dabei die Blumenguirlanden mit beiden Armen hoch über den Köpfen in die Höh' hielten. Der Herr Leonhard aber faßte die schöne gnädige Frau, die noch immer ganz