Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen
. Zeitung.
1850. — ZIF 303.
Aus dem Leben eines Taugenichts.
(Fortsetzung)
Nun hatte ich gegen den Maler schon vom Anfang eine absonderliche Pike wegen seiner unvernünftigen Re« den. Jetzt aber gerietst ich ganz außer mir vor Zorn. Das liederliche Genie ist gewiß wieder betrunken, dachte ich, den Schlüffe! hat er von der Kammerjungfer, und will nun die gnädige Frau beschleichen, verrathen, überfallen. — Und so stürzte ich durch das kleine, offengeblie« bene Pförtchen in den Garten hinein.
Als ich eintrat, war eS ganz still und einsam darin. Die Flügelthür vom Garten stand offen, ein milchweißer Lichtschein drang daraus hervor und spielte auf dem Grase und den Blumen vor der Thür. Ich blickte von weitem herein. Da lag in einem prächtigen grünen Gemach, daS von einer weißen Lampe nur wenig erhellt war, die schöne gnädige Frau, mit der Guitarre im Arm, auf einem seidenen Faulbettchen, ohne in ihrer Unschuld an die Gefahren draußen zu denken.
Ich hatte aber nicht lange Zeit, hinzusehen, denn ich bemerkte so eben, daß die weiße Gestalt von der andern Eette ganz behutsam hinter den Sträuchern nach dem Gartenhaust zuschlich. Dabei sang die gnädige Frau so kläglich auS dem Hause, daß es mir durch Mark und Bein ging. Ich besann mich daher nicht lange, brach einen tüchtigen Ast ab, rannte damit gerade auf den Weißmantel loö, und schrie auS vollem Halse „Mordjo" 1 daß der ganze Garten erzitterte.
Der Maler, wie er mich so unverhofft daherkommen sah, nahm schnell ReißauS, und schrie entsetzlich. Ich schrie noch besser, er lief nach dem Hause zu, ich ihm nach — und ich halt' ihn beinahe schon erwischt, da ver, wickelte ich mich mit den Füßen in den fatalen Blumen« stücken, und stürzte aus einmal der Länge nach vor der HauSthür hin.
»Also du bist eS, Narr" ! hört' ich da über mir auS- rufen, „hast du mich fast zum Tode erschreckt". — Ich raffte mich geschwind wieder aus, und wie ich mir den Sand und die Erde aus den Augen wische, steht die Kammerjungfer vor mir, die so eben bei dem Sprunge den weißen Mantel von der Schulter verloren hatte. „Aber", sagte ich ganz verblüfft, „war denn der Maler nicht hier"? — „Ja freilich", entgegnete sie schnippisch, „sein Mantel wenigstens, den er mir, als ich ihm vorhin im Thore begegnete, umgehängt hat, weil mich fror". — Ueber dem Geplauder war nun auch die gnädige Frau von ihrem Sopha aufgesprungen, und kam zu uns an die Thür. Mir klopfte das Herz zum Zerspringen. Aber wie erschrack ich, als ich recht hinsah und, anstatt der schönen gnädigen Frau, 'auf einmal eine ganz fremde Person erblickte !
Es war eine etwas große, korpulente, mächtige Dame mit einer stolzen Adlernase und hochgewölbten schwarzen Augenbrauen, so recht zum Erschrecken schön. Sie sah mich mit ihren großen funkelnden Augen so majestätisch an, daß ich mich vor Ehrfurcht gar nicht zu lassen wußte. Ich war ganz verwirrt, ich machte ineinemsort Komplimente, und wollte ihr zuletzt gar die Hand küssen. Aber sie riß ihre Hand schnell weg, und sprach dann auf Italienisch zu der Kammerjungfer, wovon ich nichts verstand.
Nntcrdeß aber war von dem vorigen Geschrei die ganze Nachbarschaft lebendig geworden. Hunde bellten, Kinder schrieen, zwischen durch hörte man einige Männerstimmen, die immer näher und näher auf den Garten zukamen. Da blickte mich die Dame noch einmal an, als wenn sie mich mit feurigen Kugeln durchbohren wollte, wandte sich dann rasch nach dem Zimmer zurück, während sie dabei stolz und gezwungen auflachte, und schmiß mir die Thür vor der Nase zu. Die Kammerjungfer aber erwischte mich ohne weiteres beim Flügel und zerrte mich nach der Gartenpforte.