Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung
1850. — 3f 302.
Aus dem Leben eines Taugenichts
(Fortsetzung)
Da war es unterdeß ganz öde und leer geworden. Die lustigen Gäste wanderten, jeder sein Liebchen am Arm, nach der Stadt zu, und man hörte sie noch durch den stillen Abend zwischen den Weingärten plaudern und lachen, immer ferner und ferner, bis sich endlich die -Stimmen tief in dem Thale im Rauschen der Bäume und des Stromes verloren. Ich war noch mit meinem Maler und dem Herrn Eckbrechk — so hieß der andere junge Maler, der sich vorhin so herumgezankt hatte — allein oben zurückgeblieben. Der Mond schien prächtig im Garten zwischen die hohen, dunklen Bäume herein, ein Licht flatterte im Winde auf dem Tische vor uns und schimmerte über den vielen vergoßnen Wein auf der Tafel. Ich mußte mich mit Hinsetzen und mein Maler plauderte mit mir über meine Herkunft, meine Reise, und meinen Lebensplan. Herr Eckbrecht aber hatte das junge, hübsche Mädchen aus dem Wirthshaus?, nachdem sie uns Flaschen auf den Tisch gestellt, vor sich auf den Schooß genom- men, legte ihr die Guitarre in den Arm, und lehrte sie ein Liedchen darauf klimpern. Sie fand sich auch bald mit den kleinen Händchen zurecht, und sie sangen dann zusammen ein italienisches Lied, einmal er, dann wieder das Mädchen eine Strophe , waS sich in dem schönen stillen Abend prächtig ausnahm. — Als das Mädchen dann weggerufen wurde, lehnte sich Herr Eckbrecht mit der Guitarre auf der Bank zurück, legte seine Füße auf einen Stuhl, der vor ihm stand, und sang nun für sich allein viele herrliche deutsche und italienische Lieder, ohne sich weiter um uns zu bekümmern. Dabei schienen die Sterne prächtig am klaren Firmament, die ganze Gegend war wie versilbert vom Mondschein, ich dachte an die schöne Frau, an die ferne Heimath, und vergaß darüber
ganz meinen Maler neben mir. Zuweilen mußte Herr Eckbrecht stimmen, darüber wurde er immer ganz zornig. Er drehte und riß zuletzt an dem Instrumente, daß plötz- eine Saite sprang. Da warf er die Guitarre hin und sprang auf. Nun wurde er erst gewahr, daß mein Maler sich unterdeß über seinen Arm auf den Tisch gelegt hatte und fest eingeschlafen war. Er warf schnell einen weißen Mantel um, der auf einem Aste neben dem Tische hing, besann sich aber plötzlich, sah erst meinen Maler, dann mich ein Paarmal scharf an, setzte sich darauf, ohne sich lange zu bedenken, gerade vor mich auf den Tisch hin, räusperte sich, rückte an seiner Halsbinde, und fing dann auf einmal an, eine Rede an mich zu halten. „Geliebter Zuhörer und Landsmann"! sagte er, „da die Flaschen beinah leer sind, und da die Moral unstreitig die erste Bürgerpflicht ist, wenn die Tugenden aus die Neige gehen, so fühle ich mich aus lanbSmännlicher Sympathie getrieben, dir einige Moralität zu Gemüthe zu führen. — Man könnte zwar meinen/* fuhr er fort, „du seist ein bloßer Jüngling, während doch dein Frack über seine besten Jahre hinaus ist; man könnte vielleicht annehmen, du habest vorhin wunderliche Sprünge gemacht, wie ein Satyr; ja, Einige möchten wohl behaupten, du seist wohl gar ein Landstreicher, weil du hier auf dem Lande bist und die Geige streichst; aber ich kehre mich an solche oberflächlichen Urtheile nicht, ich halte mich an deine fein« gespitzte Nase, ich halte dich für ein vacirendeS Genie". — Mich ärgerten die verfänglichen Redensarten, ich wollte ihm soeben recht antworten. Aber er ließ mich nicht zu Worte kommen. „Siehst du", sagte er, „wie du dich schon aufblihft vor dem Bischen Lobe. Gehe in dich, und bedenke dieses gefährliche Metier! Wir Genie's — denn ich bin auch eins — machen uns aus der Welt eben so wenig, als sie sich auS uns, wir schreiten vielmehr ohne besondere Umstände in unsern Siebenmeilen-