Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1850. — M 301.
Aus dem Leben eines Taugenichts.
(Fortsetzung)
Wie sie nun so eben mit zum Himmel gerichteten Augen eine lange Kadenz anhielt und der Mann neben ihr mit aufgehobenem Stäbchen auf den Augenblick paßte, wo sie wieder in den Takt einfallen würde, und Keiner im Garten zu athmen sich unterstand, da flog plötzlich die Gartenthüre weit auf, und ein ganz erhitztes Mädchen und hinter ihr ein junger Mensch mit einem feinen bleichen Gesicht stürzten in großem Gezänke herein. Der erschrockene Musikdirektor blieb mit seinem aufgehobenen Stabe wie ein versteinerter Zauberer stehen, obgleich die Sängerin schon längst den Triller plötzlich abgeschnappt halte und zornig aufgestanden war. Alle Uebrigen zischten den Neuangekommenen wüthend an. „Barbar!' rief ihm Einer von dem runden Tische zu, „du rennst da mitten m das sinnreiche Tableau von der schönen Beschreibung hinein, welche der selige Hoffmann, Seite 347 des Frauentaschenbuchs für 1816", von dem schönsten Hum- mel'schen Bilde gibt, das im Herbst 1814 auf der Berliner Kunstausstellung zu sehen war l"
Aber das half Alles nichts. „Ach was I" entgegnete ter junge Mann, „mit Euren Tableau'S von Tableau'S! Mein selbst erfundenes Bild für die Andern, und mein Mädchen für mich allein! So will ich eS halten: O du Ungetreue, du Falsche!" fuhr er dann von Neuem gegen das arme Mädchen fort, „du kritische Seele, die in der Malerkunst nur den Silberblick, und in der Dichterkunst nur den goldenen Faden sucht und keinen Liebsten sondern nur lauter Schätze hat! Ich wünsche dir hinführo, anstatt eines ehrlichen malerischen Pinsels, einen alten Duca mit einer ganzen Münzgrube von Diamanten aus der Nase, und mit Hellem Silberblick aus der kahlen Platte und mit Goldschnitt auf den Paar noch übrigen Haaren!
Ja, nur heraus mit dem verruchten Zettel, den du da vorhin vor mir versteckt hast! WaS hast du wieder angezettelt? Von wem ist der Wisch, und an wen ist er?"
Aber daS Mädchen sträubte sich standhaft, und je eifriger die Andern den erboßten jungen Menschen um- gaben und ihn mit großem Lärm zu trösten und zu beruhigen suchten, desto erhitzter und toller wurde er von dem Rumor, zumal da daS Mädchen auch ihr Mäulchen nicht halten konnte, bis sie endlich weinend aus dem verworrenen Knäuel hervorflog und sich auf einmal ganz unverhofft an meine Brust stürzte, um bei mir Schutz zu suchen. Ich stellte mich auch sogleich in die gehörige Positur, aber da die Andern in dem Getümmel soeben nicht auf unS Acht gaben, kehrte sie plötzlich daS Köpfchen nach mir heraus und flüsterte mir mit ganz ruhigem Gesicht sehr leise und schnell inS Ohr: „du abscheulicher Einnehmer ! um dich muß ich das Alles leiden. Da, steck den fatalen Zettel geschwind zu dir, du findest darauf bemerkt, wo wir wohnen. Also zur bestimmten Stunde, wenn du in'S Thor kommst, immer die einsame Straße rechts fort! —"
Ich konnte vor Verwunderung sein Wort hervorbringen, denn wie ich sie nun erst recht ansah, erkannte ich sie auf einmal; eS war wahrhaftig die schnippische Kammerjungfer vom Schloß, die mir damals an dem schönen Sonntagsabende die Flasche mit Wein brachte. Sie war mir sonst niemals so schön vorgekommen, als da sie sich jetzt so erhitzt an mich lehnte, raß die schwarzen Locken über meinen Arm herabhingen. — „Aber, verehrte Mamsell", sagte ich voller Erstaunen, „wie kommen Sie" — „Um Gotteswillen, still nur, jetzt still!" erwiderte sie, und sprang geschwind von mir fort aus die andere Seite deS Gartens, eh' ich mich noch auf AlleS recht besinnen konnte.