Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1850. — JVs 296.
Aus dem Leben eines Taugenichts.
(Fortsetzung)
Ich sah ihm lange zu, endlich wurde ich doch neu» gierig, warum er denn eigentlich so absonderliche Grimassen mache und ging auf ihn zu. Er hatte eben einen tiefen Seufzer auSgestoßen und sprang erschrocken auf, als ich ankam. Er war voller Verlegenheit, ich auch, wir wußten Beide nicht, was wir sprechen sollten und machten Komplimente vor einander, bis er endlich mit langen Schritten in das Gebüsch Reißaus nahm. Unter- deß war die Sonne über dem Walde aufgegangen, ich sprang auf die Bank hinauf und strich vor Lust meine Geige, daß es weit in die stillen Thäler hinunter schallte.
Die Alte mit dem Schlüsselbunde, die mich schon ängstlich im ganzen Schlosse zum Frühstück aufgesucht hatte, erschien nun aus der Terasse über mir und verwunderte sich, daß ich so artig auf der Geige spielen konnte. Der alte grämliche Mann vom Schlosse fand sich dazu und verwunderte sich ebenfalls; endlich kamen auch noch die Mägde, und Alles blieb voller Verwunderung stehen, und ich fingerte und schwenkte meinen Fiedelbogen immer künstlicher und hurtiger und spielte Kadenzen und Variationen, bis ich endlich ganz müde wurde.
Das war nun aber doch ganz seltsam auf dem Schlosse! Kein Mensch dachte da an'S Weiterreisen. Das Schloß war auch gar kein Wirthshaus, sondern gehörte, wie ich von der Magd erfuhr, einem reichen Grafen. Wenn ich mich dann manchmal bei der Alten erkundigte, wie der Graf heiße, wo er wohne, da schmunzelte sie immer blos, wie an dem ersten Abend, da ich auf das Schloß kam, und kniff und winkte mir so Pfilfig
mit den Augen zu, als wenn sie nicht recht bei Sinnen wäre. —
Trank ich einmal an einem heißen Tage eine ganze Flasche Wein auS, so kicherten die Mägde gewiß, wenn sie die andere brachten, und als mich dann gar einmal nach einer Pfeife Tabak verlangte, und ich ihnen durch Zeichen beschrieb, was ich wollte, da brachen Alle in ein großes unvernünftiges Gelächter aus.
Am aller wunderlichsten war mir die Nachtmusik, die sich oft, und gerade immer in den finstersten Nächten unter meinem Fenster hören ließ. Es griff auf einer Guitarre immer von Zeit zu Zeit einzelne, ganz leise Klänge. DaS eine Mal aber kam cs mir vor, alö wenn es dabei von unten: „pst! pst!" heraufrief. Ich fuhr daher geschwind aus dem Bett, und mit dem Kopf auS dem Fenster. „Holla! heda! wer ist da draußen? rief ich hinunter. Aber eS antwortete Niemand, ich hörte nur etwas sehr schnell durch die Gesträuche fortlaufen. Der große Hund im Hof schlug über meinen Lärm ein Paarmal an, kann war auf einmal Alles wieder still und die Nachtmusik ließ sich seitdem nicht wieder vernehmen.
Sonst hatte ich hier ein Leben, wie sichs ein Mensch nur immer in der Welt wünschen kann. Der gute Portier! er wußte wohl, waS er sprach, wenn er immerzu sagen pflegte, daß einem in Italien die Rosinen von selbst in den Mund wüPsen. Ich lebte aus dem einsamen Schlosse wie ein verwunschener Prinz. Wo ich hintrat, hatten die Leute eine große Ehrerbietung vor mir, obgleich sie schon Alle wußten, daß ich keinen Heller in der Tasche hatte. Ich durfte nur sagen: „Tischchen deck' dich!" so standen auch schon herrliche Speisen, Reis, Wein, Melonen und Parmesankäse da. Ich ließ mirS wohlschmecken, schlief in dem prächtigen Himmelbett, ging im Garten spaziren, musizirte und half wohl auch manchmal in der Gärtnerei nach.