Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen
Zeitung.
1850. — ^F 295
Aus dem Leben eines Taugenichts
(Fortsetzung)
Eine kuriose Station! dachte ich bei mir, als nun der Wagen still stand. Da wurde die Wagenthür von draußen ausgemacht, und ein alter langer Mann mit einer kleinen Laterne sah mich unter seinen dicken Augen» braunen grämlich an. Er faßte mich dann unter den Arm, und half mir, wie einem großen Herrn, aus dem Wagen heraus. Draußen vor der Hausthür stand eine alte, sehr häßliche Frau in schwarzem Kamisol und Rock, mit einer weißen Schürze und schwarzen Haube, von der ihr ein langer Schnipper bis an die Nase herunter hing. Sie halte an der einen Hüfte einen großen Bund Schlüssel hängen und hielt in der andern einen altmodischen Armleuchter mit zwei brennenden Wachskerzen. Sobald sie mich erblickte, fing sie an, tiefe Knire zu machen, und sprach und frug sehr viel durcheinander. Ich verstand aber nichts davon und machte immerfort Kratzfüße vor ihr, und es war mir eigentlich recht unheimlich zu Muthe.
Der alte Mann halte unterdeß mit seiner Laterne ben Wagen von allen Seiten beleuchtet und brummte und schüttelte den Kops, als er nirgend einen Koffer oder Dagage fand. Der Kutscher fuhr darauf, ohne Trinkgeld von mir zu fordern den Wagen, in einen alten Schoppen, der auf der Seite des Hofes schon offen stand. Die eite Frau aber bat mich sehr höflich durch allerlei Zeichen , ihr zu folgen. Sie führte mich mit ihren Wachskerzen durch einen langen, schmalen Gang, und dann eine kleine, steinerne Treppe herauf. AIs wir an der Küche vorbei gingen, streckten ein Paar junge Mâgde neugierig die Köpfe durch die halb geöffnete Thür und guckten mich so starr an, und winkten und nickten einander heimlich zu, als wenn sie in ihrem Leben noch kein Mannsbild gesehen hätten. Die Alte machte endlich oben
eine Thüre auf, da wurde ich Anfangs ordentlich ganz verblüfft. Denn es war ein großes, schönes, herrschaftliches Zimmer mit goldenen Verzierungen an der Decke, und an den Wänden hingen prächtige Tapeten mit allerlei Figuren und großen Blumen. In der Mitte stand ein gedeckter Tisch mit Braten, Kuchen, Salat, Obst, Wein und Konsekt, daß einem recht daS Herz im Leibe lachte. Zwischen den beiden Fenstern hing ein ungeheurer Spiegel, der vom Boden bis zur Decke reichte.
Ich muß sagen, das gefiel mir recht wohl. Ich streckte mich ein Paarmal und ging mit langen Schritten vornehm im Zimmer auf und ab. Dann konnt' ich aber doch nicht widerstehen, mich einmal in einem so großen Spiegel zu besehen. DaS ist wahr, die neuen Kleider vom Herrn Leonhard standen mir sehr schön, auch hatte ich in Italien so ein gewisses feuriges Auge bekommen, sonst aber war ich gerade noch so ein Milchbart, wie ich zu Hause gewesen war, nur aus der Oberlippe zeigten sich erst ein Paar Flaumfedern.
Die alte Frau mahlte indeß in einem fort mit ihrem zahnlosen Munde, daß es nicht anders aussah, als wenn sie an der langen herunterhängenden Nasenspitze kaute. Dann nöthigte sie mich zum Sitzen, streichelte mir mit ihren dürren Fingern das Kinn, nannte mich proverino! wobei sie mich aus den rothen Augen so schelmisch ansah, daß sich ihr der eine Mundwinkel bis an die halbe Wange in die Höhe zog, und ging endlich mit einem liefen Knir zur Thüre hinaus.
Ich aber setzte mich zu dem gedeckten Tisch, während eine junge hübsche Magd hereintrat, um mich bei der Tafel zu bedienen. Ich knüpfte allerlei galanten Diskurs mit ihr an, sie verstand mich aber nicht, sondern sah mich immer ganz kurioS von der Seite an, weil mir's so gut schmeckte, denn das Essen war delikat. Als ich satt war und wieder aufstand, nahm die Magd ein Licht von der