Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1850. — 3f 294
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Aus dem Leben eines Taugenichts.
(8 o r|f f e 6 u n g )
Das Fenster war offen, aber cs blieb 91 sied still oben, nur der Nachlwind ging noch durch die Weinraw ken, die sich bis in das Fenster hineinstreckten. — Nun, was soll denn das wieder bedeuten? rief ich voll Erstaunen aus, und lief in das Haus und durch die stillen Gänge nach der Stube zu. Aber da gab eS mir einen rechten Stich in's Herz. Denn wie ich die Thüre auf» reiße, ist Alles leer, darin kein Frack, kein Hut, keine Stiefel. — Nur die Zither, auf der Herr Guido gestern gespielt hatte, hing an der Wand, auf dem Tische, mitten in der Stube lag ein schöner voller Geldbeutel, worauf ein Zettel geklebt war. Ich hielt ihn näher an's Fenster, und traute meinen Augen kaum, eö stand wahrhaftig mit großen Buchstaben darauf ' Für den Herrn Einnehmer!
WaS war mir aber das AlleS nütze, wenn ich meine lieben lustigen Herren nicht wieder fand? Ich schob den Beutel in meine tiefe Rocktasche, daS plumpte wie in einen tiefen Brunnen, daß es mich ordentlich hinten über zog. — Dann rannte ich hinaus, machte einen großen Lärm und weckte alle Knechte und Mägde im Hause. Die wußten gar nicht, waS ich wollte, und meinten, ich wäre verrückt geworden. Dann aber per- wunderten sie sich nicht wenig, als sie oben daS leere Nest sahen. Niemand wußte etwas von meinen Herren. Nur die eine Magd — wie ich aus ihren Zeichen und Gestikulationen zusammenbringen konnte — hatte bemerkt, daß der Herr Guido, als er gestern Abends auf dem Balkon sang, auf einmal laut aufschrie, und dann geschwind zu dem andern Herrn in daS Zimmer zurückstürzte. Als sie hernach in der Nacht einmal aufwachte, hörte sie draußen Pferdegetrappel. Sie guckte durch daS kleine Kammerfenster und sah den buckligen Signor, der gestern mit mir so viel gesprochen hatte, auf einem Schim
mel im Mondschein quer übers Feld gallopircn, daß er immer ellenhoch überm Sattel in die Höhe flog und die Magd sich bekreuzte, weil es aussah wie ein Gespenst, das auf einem treibeinigen Pferde reitet. — Da wuM ich nun gar nicht, was ich machen sollte.
Unterdeß aber stand unser Wagen schon lange vor der Thür angespannt und der Postillon stieß ungeduldig in'S Horn , daß er hätte bersten mögen, denn er mußte zur bestimmten Stunde auf der nächsten Station sein, da Alles durch Laufzettel bis auf die Minute voraus bestellt war. Ich rannte noch einmal um das ganze HauS herum und rief die Maler, aber Niemand gab Antwort, die Leute aus dem Hause liefen zusammen und gafften mich an, der Postillon fluchte, die Pferde schnaubten, ich, ganz verblüfft, springe endlich geschwind in den Wagen hinein, der Hausknecht schlägt die Thür hinter mir zu, der Postillon knallt und so ging's mit mir fort in die weite Welt hinein.
Wir fuhren nun über Berg und Thal Tag und Nacht immer fort. Ich hatte gar nicht Zeit, mich zu besinnen, denn wo wir hinkamen, standen die Pferde angeschirrt, ich konnte igit den Leuten nicht sprechen, mein Demon- striren half also nichtS; oft, wenn ich im Wirthshause eben beim besten Esten war, blies der Postillon, ich mußte Messer und Gabel wegwerfen und wieder in den Wagen springen, und wußte doch eigentlich gar nicht, wohin und weßwegen ich just mit so ausnehmender Geschwindigkeit fortreisen sollte.
Sonst war die Lebensart gar nich so übel. Ich legte mich, wie auf einem Kanapee, bald in die eine, bald in die andere Ecke des WagenS, und lernte Menschen und Länder kennen, und wenn wir durch Städte fuhren, lehnt ich mich auf beide Arme zum Wagenfenster heraus und dankte den Leuten, die höflich vor mir den Hut abnahmen , oder ich grüßte die Mädchen an den Fenst rn