Der Wanderer.
■■a »GM g -----
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1850. — ^ 289.
Aus dem Leben eines Taugenichts
(Fortsetzung)
Drittes Kapitel.
Aber das war nun schlimm! Ich hatte noch gar nicht daran gedacht, daß ich eigentlich den rechten Weg nicht wußte. Auch war ringsumher kein Mensch zu sehen in der stillen Morgenstunde, den ich hätte fragen können, und nicht weit von mir theilte sich die Landstraße in viele neue Landstraßen, die gingen weit, weit über die höchsten Berge fort, als führten sie auS der Welt hinaus, so daß mir ordentlich schwindelte, wenn ich recht hinsah.
Endlich kam ein Bauer deS Weges daher, der, glaub ich, nach der Kirche ging, da eS heut eben Sonntag war, in einem altmodischen Ueberrocke mit großen silbernen Knöpfen und einem langen spanischen Rohr mit einem sehr massiven silbernen Stocklnopf darauf, der schon von Weitem in der Sonne funkelte. Ich frug ihn sogleich mit vieler Höflichkeit: „Können Sie mir nicht sagen, wo der Weg nach Italien geht"? — Der Bauer blieb stehen, sah mich an, besann sich dann mit weit vorgeschobener Unterlippe, und sah mich wieder an. Ich sagte noch einmal: „nach Italien, wo die Pomeranzen wachsen." — „Ach was gehn mich Seine Pommeranzen an"! sagte der Bauer da, und schritt wacker wieder weiter. Ich hatte dem Manne mehr Conduite zugetraut, denn er sah recht stattlich aus.
Was war nun zu machen? Wieder umkehren und in mein Dorf zurückgehn ? Da hätten die Leute mit den Fingern auf mich gewiesen und die Jungen waren um mich herumgesprungen: Ei, tausend willkommen auS der Welt! wie sieht eS denn aus in der Welt? hat Er uns nicht Pfefferkuchen mitgebracht aus der Well?
Der Portiersmit der kurstfürlichen Nase, welcher überhaupt viele Kenntnisse von der Weltgeschichte hatte, sagte oft zu mir: „Werlhgeschâtzter Herr Einnehmer! Italien ist ein schönes Land, da sorgt der liebe Gott für Alles, da kann man sich im Sonnenschein auf den Rücken legen, so wachsen Einem die Rosinen ins Maul , und wenn Einen die Tarantel beißt, so tanzt man mit ungemeiner Gelenkigkeit, wenn man auch sonst nicht tanzen gelernt 'chur^'--»—Reèir^inech^ralien, nach 3taltenH- -rtrf-44> voller Vergnügen aus und rannte, ohne an die verschiedenen Wege zu denken, auf der Straße fort, die mir eben vor die Füße kam.
Als ich eine Strecke so fortgewandert war, sah ich rechts von der Straße einen sehr schönen Baumgarten, wo die Abendsonne so lustig zwischen den Stämmen und Wipfeln hindurchschimmerte, daß eS aussah, als wäre der Rasen mit goldenen Teppichen belegt. Da ich keinen Menschen erblickte, stieg ich über den niedriger Gartenzaun und legte mich recht behaglich unter einem Apfelbaum in'S GraS, denn von dem gestrigen Nachlager auf dem Baume thaten mir noch alle Glieder weh. Da konnte man weit in'S Land hinaus sehen, und da es Sonntag war, so kamen bis aus der weitesten Ferne Glockcnklänge über die stillen Helder herüber, und geputzte Landleutr zogen überall zwischen Wiesen und Büschen nach der Kirche. Ich war recht fröhlich im Herzen, die Vögel sangen über mir im Baume, ich dachte an meine Mühle und an den Garten der schönen gnädigen Frau, und wie daS Alles nun so weit, weit lag — bis ich zuletzt einschlummerte. Da träumte mir, als käme diese schöne Frau auS der prächtigen Gegend unten zu mir gegangen oder eigenlich langsam geflogen zwischen den Glockenklängen mit langen weißen Schleiern die im Morgenröthe wehten. Dann war es wieder, als wären wir gar nicht in der Fremde, sondern tei meinem Dorfe an der Mühle in den tiefen