Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur
Allgem.
1850. — JVâ 288.
Aus dem Leben eines Taugenichts.
(Fortsetzung)
Die kühle Morgenluft weckte mich endlich auS meinen Träumereien. Ich erstaunte ordentlich, wie ich so auf einmal um mich her blickte. Musik und Tanz war lange vorbei, im Schlosse und ringS um daS Schloß herum auf dem Rasenplatze und den steinernen Stufen und Säulen sah Alles so still, kühl und feierlich auS; nur der Springbrunnen vor dem Eingänge plätscherte einsam in einem fort. Hin und her in den Zweigen neben mir erwachten schon die Vögel, schüttelten ihre bunten Federn und sahen, die kleinen Flügel dehnend, neugierig und verwundert ihren seltsamen Schlafkameraden an. Fröhlich schweifende Morgenstrahlen funkelten über den Garten weg auf meine Brust.
Da richtete ich mich in meinem Baume auf und sah seit langer Zeit zum ersten Male wieder einmal so recht weit in Md Land hinaus, wie da schon einzelne Schiffe auf der Donau zwischen den Weinbergen herabfuhren, und die noch leeren Landstraßen wie Brücken über das schimmernde Land sich fern über die Berge und Thäler hinausschwangen.
Ich weiß nicht, wie es kam — aber mich packte da auf einmal wieder meine ehemalige Reiselust: alle die alte Wehmuth und Freude und große Erwartung. Mir fiel dabei zugleich ein, wie nun die schöne Frau droben auf dem Schlosse zwischen Blumen und unter seidenen Decken schlummerte, und ein Engel bei ihr auf dem Bette säße in der Morgenstille. —Nein! rief ich aus, fort muß ich von hier, und immer fort, so weit als der Himmel blau ist!
Und hiermit nahm ich mein Körbchen, und warfeS hoch in die Luft, so daß recht lieblich anzusehen war, wie ^ie Blumen zwischen den Zweigen und auf dem grünen Rasen unten bunt umher lagen. Dann stieg ich selber
schnell herunter und ging durch den stillen Garten auf meine Wohnung zu. Gar oft blieb ich da noch stehen auf manchem Plätzchen, wo ich sie sonst wohl einmal gesehen, oder im Schatten liegend an sie gedacht hatte.
In unv um mein Häuschen sah Alles noch so aus, wie ich es gestern verlassen hatte. Das Gärtchen war geplündert und wüst, im Zimmer drin lag noch daS große Rechnungsbuch aufgeschlagen, meine Geige, die ich schon fast ganz vergessen hatte, hing verstaubt an der Wand. Ein Morgenstrahl aber auS dem gegenüberstehenden Fenster fuhr gerade blitzend über die Saiten. DaS gab einen rechten Klang in meinem Herzen. Ja, sagt' ich, komm nur her, du getreues Instrument! Unser Reich ist nicht von dieser Welt!
Und so nahm ich die Geige von der Wand, ließ RechnungSbuch, Schlafrock, Pantoffeln, Pfeifen und Parasol liegen und wanderte, arm wie ich gekommen war, auS meinem Häuschen und auf der glänzenden Landstraße von dannen.
Ich blickte noch oft zurück; mir war gar seltsam zu Muthe, so traurig und doch auch wieder so überaus sröhlich, wie ein Vogel, der auS seinem Käfig ausreißt. Und als ich schon eine weite Strecke gegangen war, nahm ich draußen im Freien meine Geige vor und sang:
Den lieben Gott laß ich nur walten;
Der Bächlein, Lerchen, Wald und Feld
Und Erd' und Himmel thut erhalten,
Hat auch mein' Sach' auf'S Best' bestellt!
DaS Schloß, der Garten und die Thürme von Wien waren schon hinter mir im Morgenbuft versunken, über mir jubelirten unzählige Lerchen hoch in der Luft; so zog ich zwischen den grünen Bergen und an lustigen Städten und Dörfern vorbei gen Italien hinunter.
(Fortsetzung folgt.)