wenigstens in der inneren Stadt, eine wahrhafte Todten- stille, und man erwartete auf dem Rathhause nicht ohne ängstliche Spannung den bevorstehenden Einmarsch der französischen Truppen.
Am Eingänge deS RathhauseS wurde durch die Rathsdiener Bier und Semmeln, auch Branntwein bereit gehalten, um bei dem ziemlich heißen Tage die etwaigen ersten Bedürfnisse der einrückenden Truppen befriedigen zu können. Bald, ungefähr •/» auf 3 Uhr, vernahm man ferne herannahende Fußtritte, und auf einmal brachen aus dem Barfußgâßchen eine Anzahl französischer Infanteristen, ungefähr eine Kompagnie, im Sturmmarsche hervor, welche sich unter dem Rufe: „Vive l’empereur!“ auf dem Markt in Fronte gegen das Rathhaus aufstellten. Dieses Geschrei wurde nun auf eine furchtbare Weise von den auf der Armensünderstube, deren Fenster auf den Markt herausgingen, befindlichen französischen Gefangenen erwidert, die man auf dem Rathhause ganz vergessen hatte, und es wurde sogleich ein Offiziant hinaufgeschickt, um ihnen die Thüren zu öffnen, auch eilte sogleich ein französischer Offizier mit einigen Soldaten die Treppe hinauf, um sie zu befreien.
Der Syndikus Dr. Siegmann, welcher damals stets die Stelle der fast immer abwesenden Bürgermeister vertrat, beauftragte mich und den Dr. Pfannenberg, bei dem die Kompagnie kommandirenden Hauptmann Erkundigung über die Person des zu erwartenden kommandirenden Generals einzuziehen, und als wir, um unS deshalb auf den Markt zu begeben, an die Treppe gelangten, stürzten gerade die befreiten Gefangenen aus der obern Etage die Treppe herunter, wobei einer derselben mit einer wahrscheinlich auf dem Gefangenensaale als Bewaffnung ergriffenen Ofengabel nach mir stieß und mich wahrscheinlich nicht unbedeutend verletzt haben würde, wenn nicht der dabei befindliche französische Offizier ihm in den Arm gefallen wäre.
Am Eingänge des RathhauseS wurden die dort befindlichen Lebensmittel von den eingerückten Soldaten stark in Anspruch genommen, doch benahmen sie sich dabei sehr bescheiden, und ich sah selbst, daß Einer für daS verlangte GlaS Branntwein dem RathSdiener die Bezahlung anbot. Wir erfuhren von dem Offizier, daß die Generale Maifon und Loison die Avantgarde kommandirten; der Markt hatte sich indeß mit den einrückenden Truppen sehr gefüllt.. (Forts, folgt.)
Dem Bruder.
Wenn Bruderherzen aneinander schlagen, Dann können sie kein lauteS Wörtlein sagens Der Eine still die Hand dem Andern reicht, — Das Auge blinkt, — die Lippe zuckt und schweigt. M
Doch tief sinktS in die B r u d e r se c l e nieder, L Das ungesprochene Wort und tönet wieder, — Ein heilgerPsalm, ein unaussprechlichLied, Das still hinauf zum Thron der Liebe zieht.
Ferdinand Dieffenbach.
Miszellen
Der berühmte Hornist Vivien gibt sein Geld eben so leicht aus als er es verdient. Im verflossenen Sommer war er mit Jenny Lind, die ihn sehr schätzt, aber feine geringe Sparsam- feit tadelt, zusammen. Nach London zurückgekehrt, übergab er dem Banquier Baring eine Summe von 1200 Pfund zur Aus ■ bewahrung. Vor einiger Zeit wollte er nach Paris reifen, und forderte daher von Baring sein Geld; dieser verweigerte es. Deis Streit fing an unangenehm zu werden, als Baring mit der Ur- fache hervortrat. Wenige Tage vor ihrer Abreise nach Amerika war Jenny Lind bei Baring geladen. Er bat sie noch um ein B Abschiedslied. Die Sängerin sagte es zu, verlangte jedoch sei« H Ehrenwort, daß auch er ihr eine Bitte erfüllen wolle. Baring g gab sein Wort und nun ersuchte ihn Jenny Lind, dem Vivien fei» I Depositum nicht zu verabfolgen, sondern in seinem Interesse zu 8 verwalten. Vivien entgegnete, er wolle die Gerichte zu Hilfe rn-K fen, worauf ihm Baring bemerklich machte, wie man mit Geld einen Prozeß ewig machen könne, und wie er fest entschlossen sei, lieber das Zehnfache für Gerichtskosten aufzuwenden, als sein g Wort zu brechen. Vivien sah die Unmöglichkeit des Gelingens - ein, reiste nach Paris und ist nun — Kapitalistwider ! Willen.
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Franz Schuberts Gedächtnißfeier wurde in Wie« am 19. Novemb. vom dortigen Männergesangverein durch eint s Schubertfeier geehrt. Die Musikalienhandlung Diabclli will eine« s Schubertsalon eröffnen, der sinnig dekorirt und zu Produktionens ausschließlich Schubertscher Kompositionen bestimmt fein soll.
Verantwortlicher Redakteur: Dr. A. Boczek. |
Theater zu Wiesbaden.
Donnerstag den 5. Dezember. Gottsched und Gellert Charakter-Lustspiel in 5 Akten, von Heinrich Laube.
Druck und Verlag der L. Schellenberg'schen Hof-B tchhandlung in Wiesbaden.