Der Wanderer.
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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen
Zeitung.
1850. — ^ 287.
Aus dem Leben eines Taugenichts.
(Fortsetzung)
Mir klopfte das Herz. Es war mir schauerlich und seltsam zu Muthe, als wenn ich Jemand bestehlen wollte. Ich stand lange Zeit stockstill an den Baum gelehnt und lauschte nach allen Seiten, da aber immer Niemand kam, konnt' ich es nicht länger aushalten. Ich hing mein Körbchen an den Arm und kletterte schnell auf den Birnbaum hinauf, um wieder im Freien Luft zu schöpfen.
Da droben schallte mir die Tanzmusik erst recht über die Wipfel entgegen. Ich übersah den ganzen Garten und gerade in die hellerleuchteten Fenster deS Schlosses hinein. Dort drehten sich die Kronleuchter langsam wie Kränze von Sternen, unzählige geputzte Herren und Damen, wie in einem Schattenspiele, wogten und walzten und wirrten da bunt und unkenntlich durch einander, manchmal legten sich welche in'S Fenster und sahen hinunter in den Garten. Draußen vor dem Schlosse aber waren der Rasen, die Sträucher und die Bäume von den vielen Lichtern aus dem Saale wie vergoldet, so daß ordentlich die Blumen und die Vögel aufzuwachen schienen. Weiterhin um mich herum und hinter mir lag der Garten so schwarz und still.
Da tanzt sie nun, dacht' ich in dem Baume droben bei mir selber, und hat gewiß lange dich und deine Blumen wieder vergessen. Alles ist so fröhlich, um dich kümmert sich kein Mensch. — Und so geht eS mir überall und immer. Jeder hat sein Plätzchen auf der Erde auS- steckt, hat seinen warmen Ofen, seine Taffe Kaffee, seine Frau, sein GlaS Wein zu Abend, und ist so recht zufrieden; selbst dem Portier ist ganz wohl in seiner langen Haut. — Mir ist'S nirgends recht. ES ist, als wäre ich überall eben zu spät gekommen, als hätte die ganze Welt gar nicht auf mich gerechnet.
Wie ich eben so philosophire , höre ich auf einmal unten im Grase etwas einherrascheln. Zwei feine Stimmen sprachen ganz nahe und leise miteinander. Bald darauf bogen sich die Zweige in dem Gesträuch auseinander, und die Kammerjungfer steckte ihr kleines Gesicht, chen, sich nach allen Seiten umsehend, zwischen der Laube hindurch. Der Mondschein funkelte recht auf ihren pfiffigen Augen, wie sie hervorgucklen. Ich hielt den Athem an mich und blickte unverwandt hinunter. Es dauerte auch nicht lange, so trat wirklich die Gärtnerin, ganz so wie mir sie die Kammerjungfer gestern beschrieben hatte, zwischen den Bäumen heraus. — Mein Herz klopfte mir zum Zerspringen. — Sie aber hatte eine Larve vor und sah sich, wie mir schien, verwundert auf dem Platze um. — Da wollt'S mir Vorkommen, als wâre.sie gar nicht recht schlank und niedlich. — Endlich trat sie ganz nahe an den Baum und nahm die Larve ab. — Es war wahrhaftig die andere ältere gnädige Frau!
Wie froh war ich nun, als ich mich vom ersten Schreck erholt hatte, daß ich mich hier oben in Sicherheit befand. Wie in aller Welt, dachte ich, kommt die nur jetzt hierher? wenn nun die liebe schöne gnädige Frau die Blumen abholt, — das wird eine schöne Geschichte werden! Ich hätte am Ende weinen mögen vor Aerger über den ganzen Spektakel.
Indem hub die verkappte Gärtnerin unten an: „ES ist so stickend heiß droben im Saale, ich mußte gehen, mich ein wenig abzukühlen in der freien schönen Naturi Dabei fächelte sie sich mit der Larve in einem fort und blies die Luft von sich. Bei dem Hellen Mondschein sonnt* ich deutlich erkennen, wie ihr die Flechsen am Halse ordentlich aufgeschwollen .waren; sie sah ganz erbost aus und ziegelroth im Gesicht. Die Kammerjungfer suchte unterdeß hinter allen Hecken herum, als hätte sie eine Stecknadel verloren.