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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1850. 3f 885.

Aus dem Leben eines Taugenichts.

(Fortsetzung)

Zweites Kapitel.

Dicht am herrschaftlichen Garten ging die Landstraße vorüber, nur durch eine hohe jMauer von derselben ge­schieden. Ein gar sauberes ZollhâuSchen mit rothem Zie, geldache war da erbaut, und hinter demselben ein kleines VuntumzäunteS Biumengârtchen , das durch eine Lücke in der Mauer des SchloßgartenS hindurch an den schat­tigsten und verborgensten Theil des letzeren stieß. Dort war eben der Zolleinnehmer gestorben, der das AlleS sonst bewohnte.

Da kam eines Morgens frühzeitig, da ich noch im tiefsten Schlafe lag, der Schreiber vom Schlosse zu mir und rief mich schleunigst zum Herrn Amtmann. Ich zog mich geschwind an und schlenderte hinter dem luftigen Schreiber her, der bald da bald dort eine Blume abbrach und vorn an den Rock steckte, bald mit seinem Spazier, stöckchen künstlich in der Lust herum focht und allerlei zu mir in den Wind hinein parlirte, wovon ich aber nichts verstand, weil mir die Augen und Ohren noch voller Schlaf lagen. Als ich in die Kanzlei trat, wo eS noch gar nicht recht Tag war, sah der Amtmann hinter einem ungeheuren Dintenfasse und Stößen von Papier und Büchern und einer ansehnlichen Perücke, wie die Eule aus ihrem Nest, auf mich und hob an:

Wie heißt Er? Woher ist er? Kann er schreiben, lesen und rechnen" ? Da ich das bejahte, versetzte er: Na, die gnädige Herrschaft hat Ihm, in Betrachtung Seiner guten Aufführung und besonderen Meriten, die ledige Einnehmerstelle zugedacht". Ich überdachte in der Geschwindigkeit für mich meine bisherige Aufführung und Manieren, und ich mußte gestehen, ich fand am Ende selber, daß der Amtmann Recht hatte. Und so

war ich denn wirklich Zoll - Einnehmer, ehe ich mich'S versah. Ich bezog nun meine neue Wohnung und war in kurzer Zeit eingerichtet. Ich hatte noch mehrere Ge- râthschaften gefunden, die der selige Einnehmer seinem Nachfolger Hinterlassen , unter andern einen prächtigen rothen Schlafrock mit gelben Punkten, grüne Pantoffeln, eine Schlafmütze und einige Pfeifen mit langen Röhren. DaS Alles hatte ich mir schon ein Mal gewünscht, als ich noch hu Hause war, wo ich immer unsern Pfarrer so bequem herumgehen sah.

Den ganzen Tag (zu thun hatte ich weiter nichts) saß ich daher auf dem Bänkchen vor meinem Hause in Schlafrock und Schlafmütze, rauchte Tabak aus dem läng­sten Rohre, das ich von dem seligen Einnehmer vorge- funden hatte, und sah zu wie die Leute auf der Land­straße hin- und hergingen, fuhren und ritten. Ich wünschte nur immer, daß auch ein Mal ein Paar Leute aus mei­nem Dorfe, die immer sagten, aus mir würde mein Lebtage nichts, hier vorüber kommen und mich sehen möch. ten. Der Schlafrock,stand mir schön zu Gesichte, und überhaupt das Alles behagte wir sehr gut.

So saß ich denn da und dachte mir mancherlei hin und her wie aller Anfang schwer ist, wie das vornehmere Leben doch eigentlich recht bequem sei und faßte heimlich den Entschluß nun alles Reisen zu lassen, auch Geld zu sparen wie die Andern, und eS mit der Zeit gewiß zu etwas Großem in der Welt zu bringen. Inzwischen ver­gaß ich über meinen Entschlüssen Sorgen und Geschäften die allerschönste Frau keineswegs.

Die Kartoffeln und anderes Gemüse, daS ich in mei­nem kleinen Gärtchen fand, warf ich hinaus und bebaute eS ganz mit den auserlesensten Blumen, worüber mich der Portier vom Schlosse mit der großen kurfürstlichen Nase, der, seitdem ich hier wohnte, oft zu mir kam und mein intimer Freund geworden war, bedenklich von der