Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur
1850. — JVs S8S.
Zeitung.
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an-
Ans dem Leben eines Taugenichts.
Novelle von Joseph Freiherrn von Eichendorff.
Die nachfolgende Novelle des Freiherrn v. Eichen- dorff ist zwar keine Novität. Sie erschien im I. 1842 bei M. Simion in Berlin. Dichterische Schönheit verleiht ihr aber den Reiz der Neuheit. Sie kann als Mei" sterwerk im Gebiete der Gefühlsnovelle gelten; wir glauben keinen Fehlgriff zu thun, wenn wir aus der mit wenigen Ausnahmen an gediegenen Novellen so armen Jetztzeit einmal in die Vergangenheit zurück greisen.
Er ft es Kapitel.
Das Rad an meines Vaters Mühle brauste und rauschte wieder recht lustig, der Schnee tröpfelte emsig vom Dache, die Sperlinge zwitscherten und tummelten sich dazwischen; ich saß auf der Thürschwelle und wischte mir den Schlaf aus den Augen; mir war so recht wohl in dem warmen Sonnenscheine. Da trat der Vater aus dem Hause; er hatte schon seit Tagesanbruch in der Mühle rumort und die Schlafmütze schief auf .dem Kopfe, der sagte zu mir: „Du Taugenichts! da sonnst du dich schon wieder und dehnst und reckst dir die Knochen müde, und läßt mich alle Arbeit allein thun. Ich kann dich hier nicht länger füttern. Der Frühling ist vor der Thür, geh' auch einmal hinaus in die Welt und erwirb dir selber dein Brod".
„Nun", sagte ich, „wenn ich ein Taugenichts bin, so ist's gut, so will ich in die Welt gehen und mein Glück machen". Und eigentlich war mir das recht lieb, denn es war mir kurz vorher selber eingefallen, auf Rei- sen zu gehen, da ich die Goldammer, welche im Herbst und Winter immer betrübt an unserm Fenster sang: „Bauer, micth' mich, Bauer mieth' mich"! nun in der schönen Frühlingszeit wieder ganz stolz und lustig vom Baume rufen hörte: „Bauer, behalt' deinen Dienst"! —
Ich ging also in daS Haus hinein und holte meine Geige, die ich recht artig spielte, von der Wand, mein Vater gab mir noch einige Groschen Geld mit auf den Weg und so schlenderte ich durch das lange Dorf hinaus. Scb hatte recht weine heimliche Freude, alS ich da alle meine alten Bekannten und Kameraden rechts und links, wie gestern und vorgestern und immerdar, zur Arbeit hinausziehen, graben und pflügen sah, während ich so in die freie Welt hinauSstrich. Ich rief den armen Leuten nach allen Seiten recht stolz und zufrieden Adjes zu, aber es kümmerte sich eben Keiner sehr darum. Mir war es wie ein ewiger Sonntag im Gemüthe. Und als ich endlich in's freie Feld hinaus kam, da nahm ich meine liebe Geige vor, und spielte und sang, auf der Landstraße fortgehend:
Wem Gott will rechte Gunst erweisen, Den schickt er in die weite Welt,
Dem will er seine Wunder weisen
In Berg und Wald und Strom und Feld.
Die Trägen die zu Hause liegen,
Erquicket nicht das Morgenroth,
Sie wissen nur von Kinderwiegen
Von Sprgen, Last und Noth um Brod.
Die Bächlein von den Bergen springen
Die Lerchen schwirren hoch vor Lust,
WaS sollt' ich nicht mit ihnen singen
Aus voller Kehl' mit frischer Brust?
Den lieben Gott laß ich nur walten;
Der Bächlein Lerchen, Wald und Feld •
Und Erd' und Himmel will erhalte»,
Hat auch mein' Sach' aus'S Best' bestellt!
Indem, wie ich mich so umsehe, kömmt ein köstlicher Reisewagen ganz nahe an mich heran, der mochte wohl schon einige Zeit hinter mir drein gefahren sein, ohne daß ich eS merkte, weil mein Herz so voller Klang war, denn eS ging ganz langsam und zwei vornehme Damen