Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen
- Zeitung
1850.
— M S76.
Barbarossa.")
Erwacht ist im Kyffhäuser
Im dunklen BergeshauS Rothbart, der alte Kaiser, Wischt sich die Augen aus.
Dann ruft er seinem Zwerge, Dem treuen Diener sein: „Geh! horch, ob noch am Berge Die Unglücksraben schrein".
Der geht und kehrt zur Stunde Mit schnellem Schritt zurück.
„Du bringst mir frohe Kunde, Ich seh's am frohen Blick".
„„Ja, Glück und Heil, mein Kaiser! Die Raben schrein nicht mehr;
Es kreist um den Kyffhäuser Ein Aar in Lüften hehr.
Und eine Krone funkelt Auf seinem Haupt so rein, Daß sie mit Glanz verdunkelt Der Morgensonne Schein.
Auch hält er in der Klaue Ein blankgeschliffen Schwert, Von dem es durch die Gaue Wie Wetterleuchten fährt.
Und rings um den Kvffhäuser Erschallt dem Donner gleich Der Ruf: Hoch unser Kaiser Und hoch das deutsche Reich""!
*) Aus: „Gedichte von Iulius Sturm". Leipzig 1850.
Da sprühet Freudenblitze Herrn Rothbarts Heldenblick, Er springt von seinem Sitze, Er wirft daS Hanpt zurück.
„Dank für die frohe Kunde Und lebe wohl, mein Zwerg! ES schlägt die Scheidestunde, ES treibt mich aus dem Berg.
Aufwärts gehn meine Bahnen, Das wird ein Jubel fein, Kehrt endlich bei den Ahnen Der Barbarossa ein".
Er drückt die Hand dem Zwerge, Er schreitet aus der Gruft;
Schon steht er vor dem Berge In freier GotteSluft.
Und späht und spricht voll Kummer: „Den Adler seh ich nicht;
ES trübte wohl der Schlummer Der alten Augen Licht.
Keine Krone seh ich funkeln, Seh auch kein blankes Schwert, Ich seh nur, wie dem dunkeln Gewölk ein Blitz entfährt".
Er lauscht, doch am Kyffhäuser Erschallt dem Donner gleich Kein Ruf: Hoch unser Kaiser Und hoch daS deutsche Reich!
Da thät sein Haupt er neigen: „Gern hielt' ich mich für taub, Hört' ich nicht von den Eichen Fallen daS trübe Laub"