Der Wanderer.
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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem..
1850. — JV» 861.
Das Paradies und die Peri
von Thomas Moore.
Deutsch von G. C, Dieffenbach.
(Fortsetzung und Schluß.) „Ein Tropfen, so spricht die Peri leif, Ein Tropfen fingt nieder vom Monde, wenn heiß',
Verdorrende Lüfte mit glühendem Brand
3m Sommer zieh'n durch Egyptens Land,
Von solcher zanbrischen Heilkraft belebt,
Daß in der Stunde, da nieder er finket
Die Seuche selbst schwindet und selig belebt
In Gesundheit Erde und Himmel erblinket. *)
O! ist nicht, du Mann der Sünde hier, So heilig der Reue-Thrânen Fall?
Glüh'n Sünden und Schuld auch im Herzen dir, —
Ein himmlischer Tropfen löschet fie all"! —
Und neben jenem Kinde seht
Ihn knien in brünstigem Gebet, —
Es umfängt derselbe Sonnenstrahl
Die Unschuld und die Sünde zumal,
Und den Himmel Freudenhymnen durchschwebcn'
Verkündend, daß einer Seele vergeben.
Gesunken war der Sonne Gluth, —
Noch betend auf den Knieen ruht
Das sel'ge Paar; — aus Himmelsfernen
Glänzt da ein Strahl, wie von Sonn und Sternen.
Noch nie ein Leuchten ausgegangen,
Auf diese Thräne, die warm und rein
Bethaut des reuigen Sünders Wangen.
Dem sterblichen Auge mochte der Schein
Wohl strahlen wie ein Meteor,
Wie eines Nordlichts heller Brand; —
Die Peri hat entzückt erkannt
Ein Lächeln, das von Edens Thor
Der Engel durch des Himmels Blau Voll froher Huld läßt niedergleiten, Zu heil'gen dieser Thräne Thau, Ihr kündend nahe Seligkeiten.
*) Der Nukta oder Wundertropfen, welcher gerade am St. Jo- Hannlötage im Juni in Aegypten fallen und der Pest Einhalt
„O Freude! o Wonne! mein Werk ist gelungen,
Die Pforte ist offen, — der Himmel errungen! O bin ich nicht glücklich? — Hinan! hinan! Zum strahlenden Himmel auf leuchtender Bahn! Von Nebeln umwallt nur kann ich schauen Schadukiams *) Thürme in Demant-Zier,
In Amberabads Paradifischen Gauen Die duftenden Lauben tief unter mir"!
„Lebt wohl ihr Düfte der Erd', die ihr leicht Wie aus liebender Brust ein Seufzer entweicht; Ich koste nun selig vom Tuba-Baume, **) Der herrlich duftet in Edens Raume" !
„Lebt wohl, ihr schwindenden Blumen, die ihr
Die Feeenlocken umschlungen mir, Ost duftend und schon, doch schnell verblüh't, — O! was sind die schönsten, die je erglüh't Hier auf der Erde herrlichstem Raume
Doch neben dem duftenden Lotosbaume, f) Der sprossend an Allahs Thron sich erhebt, Jede Blüte von seligen Geistern belebt"!
„O Frende! o Wonne! mein Werk ist gelungen! Die Pforte ist offen, — der Himmel errungen"!
*) Schadukiam — das Land der Wonne; — der Name einer Provinz des Königreichs Dschinnistan over des Feeenlandes, die Hauptstadt desselben heißt die Stadt der Juwelen. — A m- berabad ist eine andere der Städte DschinnistanS.
**) Der Tuba-Baum, welcher im Paradiese steht'und dem Muhameds. Tuba, sagt D'Herbelot, bezeichnet Seeligkeit oder ewiges Glück.
t) Bon Mahomed wird erzählt im 53. Cap. des Korans, er habe den Engel Gabriel gesehen unter einem Lorosbaum, jenseits dessen man nicht mehr gehen kann, nahe dabei ist der Garten der ewigen Wohnung. — Dieser Baum, sagen die Ausleger, steht in dem siebenten Himmel auf der rechten Seite von Allah'« Throne.
Anmerkung des UebersetzerS. Die Künste gehen Hand in Hand; die Dichtkunst schließt sich bald inniger an die Musik, — bald mehr an die Malerei an. Die in vorstehenden Nebersetzung dargebot'ne Dichtung deS großen englischen Sängers bietet einem tüchtigen Künstler trefflichen Stoff zu Illustrationen. Ich halte es nicht füe überstüssig darauf hinzudeuten, da nicht viele Gedichte solch reiche und hochpoetische Stoffe bieten, wie das vorliegende sie ent-