Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1850. — jf 253.
0 Der Tambour von Wagram
(Schluß).
Während Herr von Bonneville den ersten Theil dieses Briefes lad, fuhr er öfters mit der Hand nach den Augen, um die Thränen abzuwischen, welche sie verdunkelten. Die Stelle, wo eS sich um den Ring handelte, ließ ihn erbeben; hohe Nöthe färbte plötzlich seine Stirne; er zitterte, er, der niemals gezittert. Er betrachtete mit fieberhafter Ungeduld den Ring und las: „Louis von Bonneville, — Jeanna Romeuf, — Mai 1782". Als er dies sah, bedeckte kalter Schweiß sein Gesicht; er sank auf die Knie, verbarg sein Haupt in seinen Händen und rief mit schmerzlichem Tone:
„Jeanna I . . . meine arme Jeanna! Du bist es! Ja, Du bist dieses junge Mädchen, das ich so zärtlich liebte und doch verlassen mußte, als die gebieterische Kriegspflicht mich zur Fahne rief. Und alS ich Dich verließ, warst Du auf dem Punkte, Mutter zu werden! Ich wußte es nicht! Ich nehme Gott zum Zeugen! Warum habe ich dies niemals erfahren? Warum suchte ich mir nicht diese Sympathie zu erklären, welche mich zu diesem armen Soldaten, zu diesem guten Romeuf hinzog? Denn er war mein Sohn!... jetzt ist er todt! . .. Er ist gestorben, ohne daß ich ihn umarmt habe! Ach arme Frau, und Du, armer Soldat, was hattet ihr denn dem Himmel gethan , daß er.Euch mit solchem Unglücke heimjuchte, während er mich reich und geehrt machte? Aber dieser einzige Augenblick rächt Euch alle Beide"!
Das Antlitz in Thränen gebadet, das Herz vom Kummer gebrochen, sprach Bonneville diese letzten Worte ^" schluchzender Stimme aus und drückte die vor ihm liegenden Gegenstände an seine Lippen.
Doch bald rief er, wie ein Mann, der eben einen tröstenden Entschluß gefaßt:
„Ich habe ein Mittel, den Fehler, den ich begangen, zum Theile wieder gut zu machen. Es gilt die Ruhe meiner noch übrigen Tage".
Er schellt, sein Kammerdiener erscheint.
„Sage meinen beiden Söhnen, daß sie augenblicklich herkommen".
Der Diener gehorchte. Die beiden jungen Leute erschienen.
„Großer Gott! Vater, waS ist Dir" ? rief der jüngere, als er die Unordnung sah, welche in dem Zimmer und noch mehr auf dem Gesichte des Grafen herrschte.
„Man muß den Doktor holen", sagte der Aeltere.
„ES ist nichts, meine Kinder", erwiederte Herr von Bonneville. „Hört mich ohne Unterbrechung an. Vor Vierzig Jahren, oder mehr noch", fuhr er fort, „verführte und verließ ich ein junges Mädchen, während ich das Schloß Eures Großonkels bewohnte. Ein Knabe war die Folge dieser strafbaren Verbindung. Dieser Unglückliche, von seinem Vater verlassen und seiner Mutter beraubt, die starb, ward Soldat. Er war tapfer unter den Tapfersten, obgleich er nur Tambour ward. Der, welcher vergessen hatte ihm einen Namen und Brod zu geben, hatte auch vergessen, ihm eine Erziehung zu geben, ohne welche man zu Nichts kommen kann. Er gewann das Kreuz der Ehrenlegion. Hier sind die Insignien dieses tapfern Soldaten; hier sein Kreuz seine Dienstzeugnisse. Nun, waS rathet ihr mir zu thun"?
„Vater" ! riefen die beiden jungen Leute, „der tapfere Soldat muß hierher kommen. Wir wollen ihn wie einen Bruder lieben".
„Gut, liebe Kinder, sehr gut"! sagte der Graf ausstehend, um seine Söhne an sein Herz zu drücken; „ihr seid Seiner Werth. Unglücklicher Weise lebt dieser brave Soldat nicht mehr, er ist todt: ja, er ist gestorben, ohne mich gekannt zu haben. Doch eine alte Schwester seiner