Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1850. — ^f 235.
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O Der Tambour von Wagram.
(Fortsetzung.)
V.
Eine Audienz zu Saint-Cloud.
Zwei Tage nach der Verurtheilung Romeuf'S trat der General Michelin, der, wie wir gesehen, Vorsitzer des Kriegsgerichts gewesen, des Morgens in den Dienst- saal des Schlosses zu Saint-Cloud. Dieser Offizier war mit Glaub bedeckt, seine Stirne war voll Schweiß, da die Hitze sehr groß war. Direkt auf den dienstthuenden Adjutanten zugehend, den er genau kannte, sagte er hastig:
„Wenn ich den Kaiser nicht vor eilf Uhr sehe, so ist ein Unglücklicher, für den ich mich lebhaft interessire, verloren: er soll noch heute um drei Uhr erschossen werden".
„Haben Sie eine Audienz, mein lieber General"? fragte der Adjutant mit Interesse.
„Nein, doch was macht das? Sagen Sie Sr. Majestät, es handle sich um eine Dienstangelegenheit. .. Sehen Sie, die Thüre seines Kabinets ist halb offen ..."
„Es ist wahr; doch der Polizeiminister ist beim Kaiser; ich kann nicht eintreten, ohne daß Se. Majestät mich ruft. Warten Sie einen Augenblick; Fouche bleibt viel- leicht nicht lange".
Napoleon tadelte diesen Minister in Betreff politischer Broschüren, welche zu Hamburg gedruckt und reichlich ln den SalonS des Faubourg Saint-Germain vertheilt worden waren.
„Es ist Ihre Pflicht, Alles zu wissen, und Sie wissen Nichts, sagte Napoleon zu dem spätern Herzog; ^on Otranto; Ihre Agenten haben weder Augen noch; Ohren, und mit dem Gelde, das sie mich kosten, kann ich ein Regiment unterhalten".
Diese Worte wurden so laut gesprochen, daß sie bis zu den Ohren des Adjutanten gelangten, der sich dem General näherte und leise zu ihm sagte:
„Mein Lieber, wenn Sie von dem Kaiser etwas zu erbitten haben, so ist, wie ich fürchte, Ihre Zeit schlecht gewählt; vielleicht thäten Sie besser, Ihren Besuch bis Morgen zu verschieben".
„Nein, mein Freund, das ist unmöglich; es handelt sich um das Leben eines meiner Leute; in einer Stunde schon ist eS zu spät".
„Das ist unglücklich. Nun, so warten Sie".
Der General setzte sich in eine Fenstervertiefung, die Augen auf eine im Saale befindliche Wanduhr geheftet, deren Zeicher ihm zu schnell gingen.
Wir wollen unterdeß berichten, was sich denselben Morgen in der Militärschule und in der Abtei zugetragen.
Kaum hatte der Auditeur Romeuf sein Urtheil verkündet , als dieser förmlich erklärte, er wolle nicht an die Milde deS Kaisers appelliren, und sey entschlossen zu sterben.
Nach Ablauf der bestimmten Frist hatte der General Michelin, welcher aufrichtig den Verlust eines Soldaten wie Romeuf, bedauerte, die nöthigen Anordnungen getroffen zur Ausführung deS Urtheilspruches, welche um drei Uhr Nachmittags stattfinden sollte, und um die Namen der Unteroffiziere auSzulosen, welche die traurige Pflicht erfüllen sollten. Der Sergeant Bonneville befand sich in äußerster Verzweiflung. Er suchte den General in seiner Wohnung auf, und sagte ihm mit Thränen in den Augen:
„Mein Oberst, werden Sie diesen armen Romeuf wie einen schlechten Soldaten erschießen lassen? Wenn das Unglück will, daß ich der ErekutionSmannschaft zugetheilt werde, so bleibt mir nichts anderes übrig, als mir eine Kugel vor den Kopf zu schießen".