Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1850. — ^F SS3.
Frau von Brabantane.
Novelle von Alfred de Menciaux.
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(Schluß).
Montbryon hatte, wie man sieht, seinen Zweck erreicht. Sein Opfer wurde schon von der vornehmen Welt verstoßen. Diese Gräfin von T., die sich so in hohe Tugend hüllte, war bei alle dem eine Frau, von der mitleidige Seelen, welche die Salons bevölkern, behaupteten, sie trüge daS Herz auf der offenen Hand und biete diese Hand Jedermann. Aber sie hatte die Geschicklichkeit gehabt, jeden Skandal zu vermeiden. Und man weiß ja, baß dies Wort in den Augen der Welt alle menschliche Moral umfaßt. An der zunehmenden Traurigkeit, die Mariens schöne Stirn verdunkelte, auf der die Hoffnung nur einen Augenblick geleuchtet hatte, war es leicht zu «kennen, wie vergeblich ihre Bemühungen. Es blieb ihr nur noch übrig, den großen Brief zu öffnen, der nach Aussage der Kammerjungfer den Abend zuvor angekom« men war, und den sie bis dahin vernachlässigt hatte, da sie beim ersten Anblick einen jener Briefe in ihm erkannte, die nur als Vorwand bienen, um sich vor seinen Bekannten mit Namen, Titeln und Eigenschaften zu brüsten. Mit zerstreuter und gleichgültiger Hand öffnete Marie endlich das Siegel. Der Brief enthielt Folgendes:
„Frau Herzogin von Lairville hat die Ehre, Ihnen b>e Verheirathung ihres Sohnes, Herzog Heinrich von Lairville, mit Fräulein von Lubesac anzuzeigen".
DaS war zu viel; keine menschliche Kraft kann sol- ^m Schlage Stand halten. Die junge Frau sank zusammen, wie vom Blitz getroffen.
Drei Stunden blieb sie in diesem Zustand vollkommener Bewußtlosigkeit. Als sie die Augen öffnete, glaubte ste zu träumen. Neben ihrem Bette saß eine bejahrte 8eau, mit edeln, noch schönen Zügen; sie hielt eine
ihrer Hände und nannte sie mit sanfter Stimme ihre Tochter.
Zu ihren Füßen, bleich und verzweifelnd, lag Heinrich von Lairville, er selbst, der sie anzuflehen schien. Ihr gegenüber stand die Baronin von Brabantane, sie zärtlich anlächelnd und glücklich, sie wieder in's Leben zurückkehren zu sehen.
„Sie sind es, Sie" I flüsterte die junge Frau auf den bittenden Blick des jungen Mannes.
„Ja, ich bin eS, Marie, ich, der ich Sie nie mehr verlassen will, der mit Einwilligung seiner Mutter Ihnen sein ganzes Leben widmen will, wenn Sie ihm verzeihen".
Statt aller Antwort reichte sie ihm den Brief, den sie in ihre linke Hand gepreßt hatte, und den man ihr nicht hatte entwinden können. Ihr Gesicht drückte weder Verachtung noch Zorn aus, nur Furcht schien sie noch zu bewegen.
Der Herzog ergriff schnell den Brief. Während er las, stieg ihm Zornesrölhe in die Wangen. „Sollte man solche Schändlichkeit für möglich halten"? rief er aus. „Diese Nichtswürdigkeit, glauben Sie, Marie, ist wie die übrigen von Montbryon angestiftet. Marie, diese Heirath war im Plane, ehe ich Sie nach meiner Rückkehr von Afrika wiedersah. Aber ich habe nicht gezögert, ich mußte Sie vertheidigen, Ihnen Achtung verschaffen, ich mußte daS Recht dazu haben, ich warf mich in den Wagen, stürzte zu meiner Mutter, die Sie jetzt kennen, die Sie liebt, Sie achtet und segnet. Marie, ich bin frei; Marie, werden Sie mich für würdig halten, Ihr Gatte zu sein" ?
Frau von Brabantane konnte nicht antworten; Thränen stürzten über ihre Wangen, aber diesmal waren eS Freudenihränen; sie erhob sich und legte ihre Hand in die Heinrichs. —