Der Wanderer.
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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung
1850. — â' 152.
Die Briefschachtel
(Schluß.)
Der junge Maurer erzählte weiter: Wie ich so die Briefe las, wurde mir's wehmüchig um's Herz. Ich hatte in meiner Jugend eigentlich nie Noth und Kummer gelitten, meine Eltern sind Pachtersleute im Hannoverschen, und da ich Luft zum Handwerk hatte, ließen sie mich'ö lernen. Beim Brande erst hab' ich lernen gewußt^ wie Noth thut und wie wohl die Hülfe der Menschen. Das arme Mädchen, dachte ich, die geschenkte Wolle hat sie nicht selbst nehmen mögen, sie hat für ihren Bruder gestrickt, und wie sie von dem ungeheuren Brande hört und von der Noth so vieler Tausend Menschen, da gibt sie her das Einzige, was sie wohl hat, ohne sich lange zu besinnen, und so eilig, daß ihre Briefe noch in der Schachtel liegen. Sie muß ein gutes Herz haben.
Mir ging's indessen nach dem Brande sehr gut, ein großer Maurermeister hatte von meinen Nissen und Zeichnungen gesehen, und ich mußte ihm viel bei Planen und Anlagen helfen. Wir mußten ein Gasthaus wieder neu ausbauen, der Besitzer hatte viel von einem besonders zweckmäßigen und besonders holzersparenden Herde in einer Gasthofsküche in Berlin gehört und hätte gern einen solchen auch bauen lassen. Der Meister sprach mit mir darüber. Es ist eine schwierige Sache, am Liebsten führe ich selbst hin und zeichnete den Plan an Ort und Stelle, sagte er, aber ich kann ja nicht fort. Er sollte mich hinschicken, schlug ich vor; aufrichtig gesagt, ich dachte dabei mehr an das gute Mädchen, als an den holzersparenden Kochherd.
So kam ich denn nach Berlin, wo ich nur einen Tag bleiben sollte, mein erster Weg war zu dem Hause des KriègskasseschreiberS Gutmann. Ich traf auf der Flur ein schlankes blondes Mädchen mit sehr gutem Ausdruck
in ihren Zügen und treuen blauen Augen. Das mußte sie seyn. Mir sind Papiere, die Ihnen gehören in die Hände gekommen, und ich streckte die Hand aus, sie ihr zu geben, gab sie ihr aber im Ernste doch nicht. Nein, ich habe sie bis heutigen Tags behalten. Sie erröthete, da erschallte auS der Stube eine polternde und grobe Stimme: Louise, Louise, wo steckt sie denn? Ich komme noch einmal wieder, sagte ich schnell, und ging.
Die Zeichnung, um deretwillen ich nach Berlin geschickt war, war den Tag über fertig geworden, und am Abend trat ich noch wieder die Wanderschaft nach der Wohnung des erhabenen KriegSkasseschreiberS an. Das arme Mädchen hatte verweinte Augen, eines der Kinder hatte sie verklatscht, sie ginge nicht höflich genug mit ihnen um, und der Herr Kriegskasseschreiber Gutmann, er machte aber seinem Namen wenig Ehre, hatte sie geschimpft und gedroht, er wolle sie augenblicklich aus dem Dienste jagen. — Louise, sagte ich, ich weiß einen bessern Dienst für Sie. Sie schüttelte mit dem Kopfe. Ist es nicht besser, fuhr ich eifrig fort, Sie theilen Sorge und Mühe mit einem redlichen Arbeiter, als dieses Leben? Geben Sie mir die Hand Louise, ich laS, was Sie geschrieben in der Zeit meiner Noth, ich erfuhr, daß Sie eine gute Schwester sind, daß Sie wohlthätig den Armen daS Einzige schenkten, was daS Ihre war. Keine Stunde länger sollen Sie im Hause dieses übermüthigen Schuftes bleiben. Sie sah mich groß an und reichte mir die Hand. Sie werden mich nicht betrügen! — Dann packte sie ihre Sachen zusammen, in einem Bündel hatte Alles Platz, und kündigte auf. Ich kenne eine alte Wittwe, sagte sie, dort will ich zuerst hingehen. Und so that sie; ich ließ ihr Geld, wieviel sie etwa bedurfte.
Ich blieb den Abend mit ihr zusammen, ich sprach ihr von meiner Zukunst, wie das Gewerb jetzt so gut gehe nnd wie ich sie bald als meine Frau nach Hamburg zu