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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1850. M 150.

Das Wort -es Königs.

(Schluß.)

Es war beim Tagesanbruch deS fünften Juni 1456, als auf dem Marktplatze zu BourgeS sich eine Rührigkeit zeigte, welche verieth, daß ein eben so ungewöhnliches als wichtiges Ereigniß im Anzuge sey. Aus allen Häu­sern, Straßen und Gassen strömten Männer und Frauen jedes Alters herbei und sammelten sich um einen im Mittelpunkt des Platzes vermittelst Pfählen abgesteckten Kreis, dessen Zugänge von wohlgerüsteten KriegSknechten und Stadtsoldaten streng bewacht wurden. Obgeich zwar daS herrschende Zwielicht noch keinen genauen Ueberblick dessen, was am Orte vorbereitet wurde, gestaltete, so wußte man doch, um was es sich überhaupt handle, und die Näherstehenden konnten in der Milte deS weiten Kreises ein leicht gezimmertes Gerüst sich erheben sehen, dessen Anblick über seinen surchtbaren Zweck keinen Zwei­fel übrig ließ. ES war ein Schafot, das seines Opfers harrte.

Die Spannung und Theilnahme, welche auf den Gesichtern des in immer größeren Massen herbeiströmen­den Volkes ausgeprägt lag, war indeß merklich verschie­den von denjenigen Gefühlsäußerungen, welche man bei ähnlichen Veranlassungen wahrzunehmen pflegt. Es hatte diese Verschiedenheit ihren Grund in dem Umstande, daß eS sich hier nicht um eine gewöhnliche Hinrichtung, sondern, wie den Einwohnern von BurgeS bereits be­kannt geworden, um ein Schauspiel der Gerechtigkeits­pflege handle, daS noch ohne Beispiel dastand. UeberdieS aber trugen sowohl die außergewöhnliche Tageszeit, als aul' der Ort, wo die uiyrljörte Erekution statt finden sollte, viel dazu bei, derselben eine gewisse Keierlichkeit beizulegen. Denn noch nie hatte man es erlebt, daß im nächsten Umkreise der bürgerlichen Wohnungen von Bour­

ges ein Hochgericht aufgeschlagen worden. Und nun vollends daS Schwert des NachrichterS in der Hand eines Mannes zu erblicken, der im Volke zwar nicht sonderlich beliebt war, dem man aber bisher nur mit Ehrfurcht zu begegnen gewohnt gewesen.

Als endlich unter dem Geräusche, welches selbst von einer lautlosen Volksmenge unzertrennlich ist, der Mor­gen sich immer mehr zu lichten begann und im Osten den nahen Aufgang der Sonne verkündete, trat plötzlich, wie auf einen Zauberschlag, daS tiefste Schweigen ein. In einer vom Volke gebildeten Gasse näherte stch dem verhängnißvollen Kreise ein Piket Soldaten, in dessen Mitte, auf einem elenden Karren und den Nachrichter zur Seite, sich ein scheu und verzagt um sich blickender Mann befand, dem man es ansah, daß er auf dem Wege war, den Tod des Verbrechers zu erleiden. Dem Karren folgte in einiger Entfernung zu Fuß ein Geistlicher, in Begleitung eines ernst und fast stolz daherschreitenden ManneS von zwar blassem, aber imponirendem Aussehen. Seine reich mit Gold gestickte ritterliche Kleidung, der jedoch der Waffenschmuck fehlte, bezeichnete ihn als einen den höheren Ständen Angehörigen. Es war der Marquis von Giac. Bei feinem Anblick durchdrang die Menge ein unterdrückter AuSruf allgemeiner Theilnahme.

Inzwischen hatten auf einem entgegengesetzten Wege sich fünf Mitglieder der höchsten Gerichtspflege von Bour­geS auf dem Schaffst eingefunden, welche daselbst meh­rere Papierrollen auf einen Tisch niederlegten und dann ernst und schweigsam der Annährung der Verurtheilten harrten.

Wenige Minuten darauf erschienen die Letztern auf dem Blutgerüste. Der Geistliche näherte sich dem deS Mordes schuldigen Verbrecher, hielt ein kurzes Gebet mit ihm und geleitete in dann zu dem verhängnißvollen Sessel. Unter athemloser Stille verlas jetzt der älteste