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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung

1850. JVi 148.

Das Wort des Königs. *)

Noch nie hatten die Angelegenheiten eines Königs so hoffnungslos gestanden, als die Karl deS Siebenten von Frankreich, im Jahre 1456 zwei Jahre vor seiner Rettung durch Jeanne d'Arc.

Fast alle Häfen und alle Festungen in den Händen der Engländer ein schwieriges, in der Auflösung be- griffenes Heer ohne Verbündete ein leerer Schatz, und ohne Aussicht, ihn sobald wieder füllen zu können dies war die Lage, in welcher König Karl sich be- fand, als ihm eines Tages, während er sich zu Bourges aufhielt, die Meldung geschah, daß der letzte Rest seines Heereö in der vergangenen Nacht die eigenen Lager ange­zündet und zum Feinde übergegangen sey.

Mit dem Abfalte dieses Heeres, unter dem Befehle des Grafen von Richemond, Eonnetable von Frankreich, schien die Sache Karls auf immer verloren.

Jedes andere gekrönte Haupt würde eine solche Nachricht zur Verzweiflung gebracht haben; Karl jedoch, welcher die unheilvolle Botschaft gerade empfing, als er mit seinem Günstlinge, dem Marquis von Giac, in seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Würfelspiel, begriffen war, blickte nur etwas verwundert auf und fragte den noch harrenden Offizier, welcher mit der Meldung des unglücklichen Ereignisses beauftragt worden: Wetter Alle sind davongelanfen" ?

Alle, Sire".

Hört, Giac, das ist spaßhaft"! wandte der König sich lachend an seinen Günstling.

Ja, Sire", versetzte der Marquis.Und der Fall konnte Ew. Majestät nicht gelegener kommen".

Wie so"?

*) Auâ denErzählungen und Novellen" von L. Schubar.

Berlin 1850. Gebauer'sche Buchhandlung.

Die Leute, Sire, hatten noch rückständigen Sold zu fordern; der Schatz aber ist leer".

In diesem Augenblicke meldete ein Page den Gra­fen von Richemond, Eonnetable von Frankreich.

Das Gesicht des Marquis, auf welchem bisher eine sorglose Heiterkeit gelegen, wurde plötzlich ernst und blaß.

Mein Vetter ist willkommen"! rief der König dem Pagen zu, während er dem noch harrenden Offizier durch einen Wink zu erkennen gab, daß er entlassen sey.

Nun, Giac" ? sagte Karl verwundert, als sein Günstling, während er dem Eintritt des Eonnetable ent­gegen sah, den Würfelbecher unberührt vor sich stehen ließ.Der Wurf ist an Euch"'

Sire . . ." stotterte verlegen der Angeredete, indem er vom Tische aufstand.

WaS giebts"?

Ew. Majestät wissen, daß der Eonnetable mir nicht gewogen ist. Als Ihren Schatzmeister, Sire, hält er mich für die Ursache, daß dem abgefallenen Heere der rückständige Sold nicht ausbezahlt worden, und ich fürchte, er wird sich dafür an mir rächen wollen".

Possen, Giac! Darum macht euch keine Sorge. Ich beschütze Euch, ich, der König"!

könnten aber Umstände eintreten, Sire . . ." warf der Marquis zagend ein.

Nichts da! Ihr habt mein Königliches Wort .. /'

Hier wurde das Gespräch durch den Eintritt deS Eonnetable unterbrochen.

Willkommen, Vetter, in Bourges"! rief Karl dem Einlretenden entgegen.Ich habe schon vernommen, was zu St. James de Bcuvron sich zugetragen. Die gottvergessenen Verräther! . . . Aber was führt Euch zu mir, mein Vetter"?

Ich bin gekommen, Sire", versetzte der Graf, Euch mein Connetable-Schwert zurück zu bringen, daS