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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung

1850. 141

Der Letzte der Uberti.

Nach Calonne erzählt von August Marckhoff.

(Fortsetzung.)

Am Morgen des 24. Februar, als man den Auf­stand beschwichtigt glaubte, weil man alle Forderungen der Insurgenten bewilligt hatte, als Herr Adilon Varrot, zum Minister ernannt, bereits die Boulevards durchheilte, um die Herstellung der Ruhe zu beschwichtigen, ward Alfred Vaucel abgesandt, um dem General Bedeau die Ordre zum Rückzüge der Truppen in die Kasernen zu überbringen.

Alfred sah hierin daS Ende der Insurrektion und des Blutvergießens. Er beeilte sich daher, so schnell als möglich seinen Auftrag auszuführen, und wollte, um schneller zum Thore Saiut-DeniS gelangen, ungeachtet der Hindernisse und Gefahren seinen Weg durch die Straße Saint,Eustache abkürzen.

Dort jedoch angelangt, nachdem er bereits mit sei­nem Pferde über mehrere Barrikaden gesetzt hatte, sah er den Durchgang, durch den er passirt, plötzlich hinter sich geschlossen und befand sich zwischen zwei Bergen von Pflastersteinen. Auf beiden Seiten sah er zu ihrer Ver­theidigung jene wildaussehenden Menschen erscheinen, die sich nur in den Tagen des Aufstandes zeigen, so daß man glauben sollte, sie wüchsen plötzlich aus der Erde. Ueberall unheilverkündende Gesichter, drohende Geberden.

Welche Gefahr ihm auch drohte, wenn er seinen Weg verfolgte, so zögerte er doch nicht einen Augenblick zwischen seinem Leben und seiner Pflicht.

Es sprang zur Erde und sein Pferd einem Manne aus dem Volke überlassend, der es beim Zügel gefaßt, sprang er mit entblößtem Haupte, den Hut unter dem Arm, als Zeichen friedlicher Absichten, auf die Barrikade.

Freunde, rief er, ich bringe eine Ordre des Friedens und der Versöhnung, lasset mich durch; eine Minute Aufenthalt kann Alles zu Grunde richten".

Die Jugend des Offiziers, sein tapferes Aussehen, s seine loyale und entschlossen« Ansprache machten Eindruck auf daS Volk. Schon' senken sich die Feuerröhre, die Reihen öffnen sich, die Hände strecken sich aus, um ihm zu helfen , das Hinderniß zu übersteigen ; doch im Augen­blicke, wo die weggeräumlen Steine dem Pferde deS Kapitäns einen Durchgang gewähren, eilt ein Mann voll Blut und Schmutz mit eingefallenen Augen und zerrissenem Hemde herzu.

Tod und Verderben! schrie er mit heißer Stimme; wir sind verrathen: es lebe die Republik" !

Es lebe die Republik", wiederholten hundert Stim­men neben ihm.

Nieder mit dem Verräther"!

Nieder mit dem Spion" !

INieder mit dem Adjutanten"!

Der Wülherickd stürzte sich mit dem Pistol in der Faust auf den Offizier. Dieser zog den Säbel. Ein i schrecklicher ungleicher Kampf entspann sich: zweihundert ; gegen Einen! . . .

Doch plötzlich springt ein Mann unter die Käm­pfenden, entreißt dem Wütherich seine Waffe, und befiehlt dem Offizier, seinen Säbel einzustecken.

Wie! rief der Unbekannte, Zweihundert, um einen einzigen Menschen zu tödlen? Ist das die franzö, sische Bravour, auf die wir ankern Fremden so eifersüchtig sind? Ist diese Thal eines Volkes würdig, das sich im Kampfe so tapfer, im Siege so cdelmüthig beweist? Dieser Offizier hat Euch gebeten, ihn durchzulassen, weil er eine Friedensbotschaft hat, und Ihr glaubt nicht dem Worte eines Soldaten, eines Franzosen, wie Ihr? Und nur, weil ein Wütherich, ein Mensch, den Ihr nicht kennt.