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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur

siem. Zeitung.

1850. â 131.

Der Letzte der Uberti.

Nach Caton ne erzählt »on August Marckhoff.

(Fortsetzung.)

Eines Abends, als ich am Rande eines kleinen Vor­gebirges am Ufer des Bosporus stand, und meine Blicke an dem europäischen Horizont umherschweifen ließ, brachte mir der Wlnd, welcher zu wesen begann, mit den Wohl­gerüchen der asiatischen Küste von Zeit zu Zeit Töne einer menschlichen Stimme herüber, deren Klang meine Aufmerksamkeit erregte.

In diesem Lande des Fatalismus singt der Bewoh­ner niemals, wenn es nicht der Muezzin auf der Spitze des Minarets ist; niemals läßt sich eine Frauenstimme hören, außer im Innern ihres Gefängnisses, hinter den dicken Mauern, welche sie den Blicken der Männer ent­ziehen; doch war es eine Frauenstimme, deren Töne der Wind auf feinen Flügeln herübertrug.

Ich ward aufmerksamer, die Töne schienen näher zu kommen; ich hielt den Athem an, um besser zu hören, und allmâhlig ward die Melodie deutlicher. Ich glaubte sie zu erkennen, und ward im Innersten meiner Seele davon beunruhigt.

Endlich erschien ein weißer Schleier hinter den Zi­tronenbäumen des Vorgebirges; die Töne klangen Heller und deutlicher in mein Ohr.

Der Gesang war eine Barkarole, welche in den schönen Tagen meines Glückö Teresina komponirt und oft gesungen hatte; es war Teresina'S Stimme.

Ueber das Wasser hinaus gebeugt, den Blick auf die Barke geheftet, suchte ich trotz der Entfernung die Personen zu erkennen, die sich in der Barke befanden. Ich konnte meinen Ohren nicht glauben, war gewiß ein Traum, eine Täuschung.

Indeß kam die Barke immer näher, die Stimme ward immer stärker.

Ein krampfhaftes Zittern ergriff meine Glieder, meine Zähne klapperten.

Die Barke war nur noch 'hundert Schritte vom Lande entfernt.

Auf dem Verdeck saß eine Frau auf Purpurkissen, zu ihren Füßen ein Mann in orientalischer Tracht, seine Finger griffen in die Saiten einer Guitarre, deren M- korde ihren Gesang begleiteten.

Nein, ich träumte nicht, es war wirklich Teresina, und der Mann im orientalischen Gewände war der Mar­quis von Courval."

Die Erinnerungen an die Vergangenheit traten mir gerade in dem Augenblicke, da ich sie vielleicht für immer zu vergessen im Begriffe stand, nahender, heißer als je, vor die Seele und die einen Augenblick erstickten Rachepiâne lebten mit neuer Kraft und Grausamkeit in meiner Seele wieder auf.

Mein Blick trübte sich; ein Gelächter konvulsivischer Wuth ^scholl aus meiner Brust und tönte in den Lüften wieder wie der Schrei eines Adlers, der seine Beute bemerkt.

Der Gesang verstummte, der Schleier fiel, und als ich wieder Kraft hatte, mich aufzurichten, war die Barke jn deu Schatten verschwunden, welche die Gebirge auf die Wogen deS schwarzen MeereS warfen.

Die letzten Strahlen der Sonne waren schon hinter den dunkeln Gipfeln der Europäischen Küste verschwun­den, als ich nach Pera zurückkehrte. Ich eilte gleich zum Hafen, obgleich die Nacht ihre Schleier zu entfalten be­gann. Ein geheimer Instinkt trieb mich, auch wollte ich, bevor ich die Ruhe suchte, einen letzten Ver­such machen, den Aufenthalt der beiden Strafbaren zu erfahren.