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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung

1850. JVi 186.

Der Letzte der Uberti.

Nach Calonne erzählt von August Marckhoff.

lFortsetzung.)

Nach der Vorstellung durchlief ich, statt nach Hause zurückzukehren, die Straßen und der folgende Tag fand mich am Hause der Signora".

Sie wissen, lieber Alfred, wie leicht man unter dem schönen Himmel Italiens liebt. Meine Liebe hatte einen energischern und dauerhafteren Charakter; ich habe eS nur zu sehr gezeigt".

Es ward mir leicht, bei der Signora Gracellini Eintritt zu erhalten, die mich empfing, wie eine anstän, dige Theaterdame einen jungen, reichen, eleganten Mann empfängt, dessen Stellung hoch genug ist, um keinen Nebenbuhler fürchten zu müssen".

Sie war wohlwollend, aber daS war auch Alles. Ihre Zurückhaltung erhöhte meine Liebe, ohne mir Be, sorgnisse einzuflößen. Sie lebte in tiefer Zurückgezogen« heit, empfing nur wenige Besuche, und das Geschwätz deS Publikums ließ ihre Ehre unangetastet. Allmählig wurden unsere Beziehungen häufiger, und bald bezeich­nete mich die ganze Stadt Neapel als ihren Geliebten".

Es war indeß nicht so. Meine Liebe war zu rein und zu ergeben, um dem gewöhnlichen Wege der egoistischen Leidenschaften zu folgen. Ich liebte mit der Gluth eines ungestümen Mannes , doch war ich ihr wie ein Kind Unterthan. Ich hoffte, mit Hülfe der Liebe endlich die Eisdeckenrinde ihrer Gleichgültigkeit zu brechen. Es lag so viel Sanftmuth, so viel reine Güte in dem Herzen dieser Frau, daß meiner Meinung nach dieses Herz sich eines Tages meiner Neigung öffnen mußte. Ich täuschte mich nicht".

Eines Abends, ich denke daran, so lange ich lebe saß ich neben ihr am Piano zerstreut spielte ich

eine sanfte Melodie, die sie komponirt hatte und oft sang".

Sie, sie stand unbeweglich hinter mir; in dem über dem Piano hängenden Spiegel sah ich den Ab­glanz ihres Antlitzes; ihre Augen, welche den meinigen folgten, hatten einen Ausdruck, den ich noch nicht an ihnen kannte, ihr Haupt neigte sich langsam auf daS meine; ihr warmer Athem berührte meine Haare: eine unsichtbare Hand schien so ihre Stirn über der meinigen zu halten. Ich erhob den Kopf, und unsere Blicke tra­fen sich wie zwei Flammen; ihr Mund einte sich mit meinem Munde, ihre Arme schlangen sich um meinen Hals. Die Aufregung war zu stark, meine Augen ver, dunkelten sich, ich ward ohnmächtig".

Als ich einen Augenblick darauf wieder zu mir kam, lag sie vor mir auf den Knieen , ihre feuchten Blicke drangen tief in meine Seele und ihre Hände drückten die meinigen".

Teresina"! rief ich in zitterndem Tone.

Matteo"! erwiederte sie mit leidenschaftlichem Aus­drucke , der mich erbeben machte,Matteo, ich liebe Sie".

In dem Tone dieser Stimme, in der Stellung die­ser auf den Knieen liegenden Frau, in dem Ausdrucke ihres Gesichtes lag eine so ungewöhnliche Wonne, eine solche Leidenschaft, daß ich stumm blieb vor Erstaunen; ich konnte weder meinen Ohren noch meinen Augen* trauen".

ES war nicht mehr daS sanfte und sorglose Mäd­chen mit stets heiterer Stirn, mit stets ruhigem Lächeln, eS^war ... ich habe es später zu gut begriffen, eS war daS feurige, leidenschaftliche Weib, das Nichts zu­rückhält, und das in seiner Trunkenheit selbst unersätt­liche Begierden erschöpft".

Sie brach zuerst daS Schweigen.

Matteo", sagte sie, Du hast mir oft gesagt, daß Du mich liebst, Du hast mich oft gebeten, das Theater