Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1850. — M 125
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△ Der Letzte der Uberti Nach Calonne erzählt von August Marckhoff.
(Fortsetzung.)
In diesem Augenblicke öffnete der Mann, von dem die Rede war, die Thüre des Zimmers.
„Herr Matteo Uberto? sagte er."
„Nach wem fragen Sie? erwiederte die Pförtnerin, um Zeit zu gewinnen, den jungen Mann zu mustern." „Herr Matteo Uberto? wiederholte dieser."
„Ach! Sie fragen nach Herrn Matteo."
„Ich glaube, es Ihnen schon zweimal gesagt zu haben, bemerkte der junge Mann kurz."
„Nun, ich muß doch wenigstens wissen, nach wem Sic fragen. Herr Matteo Uberto wohnt im vierten Stock, auf dem ersten Gange links; an dessen Ende wenden Sie sich rechts, dort ist eS die zweite Thüre rechts."
Der junge Mann stieg eilends die Treppe hinauf.
„Sollte man sagen, daß ein so hübscher Junge ein solches Handwerk treibt! rief die Pförtnerin seufzend aus. Doch man muß seine Pflicht thun! Ich werde den Poli- zeikommiffâr benachrichtigen."
„Woran denken Sie? Frau Michel! rief eine andere Gevatterin, welche das elegante Aussehen des jungen Mannes ohne Zweifel milder gestimmt hatte. Den Kommissär zu holen, ohne den Hausbesitzer davon zu benachrichtigen, ist eine Unklugheit."
„Und dann, setzte eine Andere hinzu, ist es auch noch nicht erwiesen, daß es Räuber sind."
„Oh! daran zweifele ich nicht im Mindesten, erwie- derte Frau Chopinet, doch ich bin Ihrer Meinung, Frau Chiffard, man muß sich nicht übereilen, man kann sie ja Beide immer noch fassen, wenn man fpârer will."
Frau Michel zögerte indessen noch ungeachtet aller dieser Gründe, als sich Schritte auf der Treppe hören ließen.
Es waren der Italiener und sein junger Gefährte, welche die Treppe Herabstiegen.
Wie die vier Damen wahrnahmen, hatte sich der Signor Matteo mit größerer Sorgfalt als gewöhnlich gekleidet.
Er stieg behende in den an der Thür befindlichen Wagen; der junge Mann setzte sich neben ihn, w rauf sie im vollen Galopp davon eilten zur großen Verwunderung der vier Gevatterinnen, die sich vor die Thür gestellt , um so genau wie möglich das Schauspiel zu genießen.
II.
Die Tugend einer Primadonna.
Wir folgen unsern beiden Unbekannten in den kleinen Saal des Kafè Tortoni, dessen Fenster auf den Boulevard geht. Dort nahmen sie ein Frühstück, gegen dessen Ende hin ihr Gespräch eine Richtung nahm, die sich zu enge an unsere Erzählung knüpft, als daß wir sie übergehen sollten.
„Sie erinnern sich doch noch, lieber Freund, des mir gegebenen Versprechens ? sagte der junge Mann, seinem Gesellschafter ein Glas Champagner ergießend.
Sie verlangen also, Alfred, daß ich noch einmal einen Blick auf die Vergangenheit werfe, die ich so gern vergessen möchte? Bittere Erinnerungen, zahllose Qualen, lange in Thränen verbrachte schlaflose Nächte, das ist es, waS ich Ihnen zu schildern habe, Ihnen, der glücklich ist, Ihnen, der noch seine Illusionen hat, Ihnen, der geliebt wird . . . fürchten Sie nicht, daß diese traurige Geschichte durch Ihre Seele streift wie der Sirocco über eine fruchtbare Ebene, daS lachende Grün des Frühlings verdorrend und vor der Zeit die schönen Jugendblüthen abstreifend, mit denen Sie noch geschmückt sind?
„Denken Sie nicht an mich, mein Freund; wenn