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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur

. Zeitung.

1850. J£ 124.

Der Letzte der Uberti

Nach Calonne erzählt von August Marckhoff.

I.

Prinz oder Räuber.

Signor Matteo Uberti war ein seltsamer Mann.

Sein Alter wußte Niemand anzugeben; seine Eri- stenzmittel kannte Niemand, ebensowenig den Ort seiner Geburt.

Er speiste für 32 Sous, wenn er zu Mittag; er wohnte in einem Dachkämmerchen in der Straße Neuve-Coquenard, kleidete sich mehr als bescheiden, setzte niemals einen Fuß in das Theater, ging zuweilen ganze Stunden lang im Garten deS Palais Royal umher, die Augen auf die Seite eines Journals geheftet, das er nicht las.

Ein Individuum von so exzentrischem Benehmen, als das deS Signor Matteo war, mußte die Aufmerk­samkeit der Nachbarn und besonders der Nachbarinnen er« regen.

Jedermann fragte:Wer ist dieser Mann? Man weiß nicht, woher er kommt, wohin er geht. Dahinter steckt ein Geheimniß".

Eines schönen Morgens ward über diesen Gegenstand bei der Pförtnerin des HauseS, in welchem Matteo wohnte, großer Rath gehalten; die geschwätzigen Bewohnerinnen deS Hauses waren zusammengekommen, um diese wichtige Frage zu besprechen.

Es ist ein politischer Flüchtling, sagte Eine; er er­hält oft dreifach versiegelte Briefe, nicht wahr, Frau Michel?"

Das ist wahr, erwiederte die Pförtnerin; doch sieht er zu ruhig aus, um sich mit Revolution abzugeben."

Frau Michel hat Recht, fügte eine dritte hinzu, mit einem solchen Gesichte macht man keine Komplott. ES ist eher ein närrisch gewordener Musikus; er bringt

die halbe Nacht damit zu, auf seinem Spinett zu spielen und stets spielt er eine und dieselbe Melodie".

Sie sind Alle im Irrthum, versetzte eine gewisse Frau Chopinet, die bis dahin geschwiegen hatte. Ich kann Ihnen sagen, wie es sich mit ihm verhält, und ich habe die Gewißheit, daß der Mann, welcher mit uns unter demselben Dache wohnt, kein Mann ist."

Wie, er ist kein Mann"! riefen die drei Ge­vatterinnen.

Nein, er ist ein Räuberhauptmann".

Ein Räuberhauptmann! Ach! guter Gott, an einen solchen Menschen habe ich meine Wohnung vermiethet. Ich hielt ihn für einen großen Herrn! Schnell meinen Shawl, damit ich zu dem Hausbesitzer eile, um ihn wegschaffen zu lassen. Ich leide nicht, daß ein Bösewicht mein Haus länger bewohnt... Doch wie haben Sie das erfahren, Frau Chopinet? Sie müssen mir eS sagen, damit ich Beweise liefern kann."

Oh! Wenn es nur DaS ist, das kann geschehen. So hören Sie. Ich ging neulich Morgens durch die Gallerien des PalaiS-Royal, als ich plötzlich meinen Mann zwanzig Schritte vor mir sehe. Er sah sich un­ruhig nach allen Seiten um, als wenn er glaubte, verfolgt zu werden. Ich folgte ihm, jedoch so, daß er mich nicht bemerkte.

Als er an die Bude des reichen Juwelenhändlers kam, der dicht neben dem Schneider steht, bei welchem der kleine Neffe des Themas vor sechs Monaten, ehe die Republik entstand, arbeitete, sehe ich meinen Mann stehen bleiben und dann eintreten. Gut, sagte ich bei mir, waS kann so ein armseliger Mensch bei einem Juwelenhändler zu thun haben? Sicherlich will er nichts kaufen, son­dern Etwas verkaufen. Ich bleibe also auch stehen und sehe durch das Fenster in die Bude. Und was sehe ich? . . . Der alte Räuber zieht ein kleines Kästchen