Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur
gem. Zeitung.
1850. — ^F 1S1
Arthur Pendennis.
(Fortsetzung.)
Major Pendennis kam gähnend aus dem Speise- zimimmer, sehr bald nachdem seine Schwägerin und die kleine Laura das Gemach verlassen hatten. „WaS für ein unerträglicher Schwätzer dieser Mensch ist, und waS für Zeug er vorbrachte!" sagte der Major.
„Er ist sehr gut mit Arthur gewesen, der ihn sehr lieb hat", entgegenete Mrs. PendenniS — „ich möchte wissen, wer die Miß Thompson ist, die er heirathen will"?
„Ich war immer der Meinung, daß der Bursche sein Augenmerk wo anders hin gerichtet hätte", versetzte der Major.
„So, und auf wen"? fragte Mrs. Pendennis in völliger Unschuld, „auf Myra Portman" ?
„Auf Helene Pendennis, wenn Sie'S durchaus wissen müssen", antwortete ihr Schwager.
„Aufjmich! Unmöglich"! schrie Helene, welche ganz wohl wußte, daß dies der Fall gewesen. „Seine Heirath wird ein recht glücklicher Umstand seyn. Ich hoffe, daß Arthur nicht zu viel Wein zu sich nimmt".
Nun war Arthur nicht wenig stolz auf das Vorrecht, die Schlüssel zum Keller in seiner Verwahrung zu haben, und indem er sich erinnerte, daß wahrscheinlich nur noch sehr wenige Mahlzeiten stattfinden würben, an denen er mit seinem theuren Freunde Smirke zugleich theilnehmen könnte, hatte er für den Durst der Tischgesellschaft Claret in reichlicher Fülle gastfreundlich herausbeförvert, und als die älteren Leute nebst Klein-Laura ihn verlassen, begannen er und der Pfarrgehülfe dem Weine sehr tapfer zuzusprechen.
Eine Flasche gab sehr bald den Geist auf, eine zweite hatte sich schon halb verblutet, ehe die beiden Zech-'
brüder mehr als eine halbe Stunde mit einander zusammengewesen waren, Pen hatte mit einem hohlen Lachen und dumpfer Stimme einen Römer auf die Falschheit der Weiber ausgetrunken und dann spöttisch bemerkt, daß die Flasche auf jeden Fall eine Geliebte wäre, die nie Betrug übe und sicherlich stets ihren Mann willkommen heiße.
Smirke sagte mild lächelnd, daß er seines Theils Frauen kenne, welche nichts als Wahrheit und Zärtlich- feit seyen, und indem er die Augen nach der Decke emporrichtete und einen tiefen Seufzer that , als ob er den Namen eines unauSspechlich theuren WesenS auSrufen wollte, nahm er sein Glas, hob es in die Höhe und trank es aus, worauf das rosige Naß seine Wirkung über sein Antlitz zu verbreiten begann.
Pen las ihm dann in aller Eile ein paar Verse vor, die er diesen Morgen gemacht, und in denen er sich darüber belehrte, daß ein Weib, welches seine Liebe getäuscht habe, nicht würdig seyn könne, sie zu gewinnen.
Pen, der ein sehr erregbares Gemüth besaß, donnerte diese Verse in seiner vollen wohltönenden Stimme hervor. Er erröthete tief, als er in diesem aufgeregten Zustande war, und seine großen und ehrlichen Augen waren ebenfalls Beweise einer edeln, so tief aus dem Herzen kommenden, so männlichen Empfindung, daß Miß Costigan, wenn sie ein Herz hatte, sich unbedingt erweicht von ihm fühlen mußte; und sehr wahrscheinlich war sie, wie er sagte, der Zuneigung ganz und gar unwürdig, die er an sie verschwendet.
Der empfindsame Smirke wurde von derselben Aufregung ergriffen, welche in seinem Freunde waltete. Er erfaßte Pen's Hand über den Dessert-Tellern und Weingläsern. Er sagte, die Verse seyen wunderschön, Pen sey ein Dichter, ein großer Dichter, und er werde wahr-