Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1850. — JVâ 106.
Arthur Pendennis.
(Fortsetzung.)
Neuntes Kapitel.
In welchem der Major den Feldzug eröffnet.
Diejenigen, welche sich wirklich und von Herzen für die Londoner Gesellschaft und das Privilegium zum Eintritt in ihre gewähltesten Kreise zu begeistern vermögen, werden zugestehen, daß Major Pendennis sich durch das Opfer, welches er jetzt brachte, als ein Mann von nicht gewöhnlicher Großmuth und Liebe zu seinen Verwandten bekundete. Er gab London im Mai auf — gab es auf mit seinen Zeitungen und seinen Morgenvisiten — seinen Nachmittagsgängen von Klubb zu Klubb, seinen kleinen vertraulichen Besuchen bei „meiner gnädigen Frau", seinen Spazierritten nach Rotten Row, seinen Gastmählern, seiner Loge in der Oper, seinen sonnabendlichen und sonntäglichen flüchtigen Abstechern nach Fuhlam oder Rich, mond; — gab eS auf mit seiner Verbeugung vor Sr. Durchlaucht, dem Herrn Herzog, oder Sr. Gnaden, dem Herrn Marquis bei den Festlichkeiten des vornehmen Londons, und mit dem Vergnügen, seinen Namen deS an, dern Tags in der Morning Post zu lesen; — gab es auf mit seinen stilleren, geheimnißvolleren, vergnügteren kleinen Ergötzlichkeiten im gewählten Freundeskreise — auf alles dies verzichtete er, um sich mit einer einfachen Wittwe, einem Gelbschnabel von Sohn, einem langweiligen Pfarrgehülfen und einem kleinen Mädchen von zehn Jahren in ein unbedeutendes einsames Haus auf dem Dorfe zu verschließen.
Er brachte das Opfer, und es war um so größer, da Niemand die Ausdehnung desselben kannte. Seine Briefe kamen frankirt von der Stadt, und er wies die Einladungen Helenen mit einem Seufzer. Ihn zu sehen,
wie er eine nach der andern ablehnte, war ein tragisch schönes Schauspiel — wenigstens für diejenigen, welche die melancholische Erhabenheit seiner Selbstverläugnung zu würdigen verstanden, was bei Helenen allerdings nicht der Fall war. Helene begriff ihn hierin nicht oder lächelte nur über das entsetzliche Pathos, mit welchem der Major im Allgemeinen von dem Hof- und Staats- kalender sprach; aber der kleine Pen blickte mit gewaltigem Respekt auf die großen Namen, mit denen seines Onkels Briefe überschrieben waren und horchte den Geschichten deS Majors über die vornehme Welt mit anhaltender Theilnahme und großem Interesse.
Mit derartigen Gesprächen unterhielt der Major seinen Neffen, wenn er auf der Terrasse vor dem Hause seinen festgesetzten zweistündigen Spaziergang machte, oder wenn sie nach Tische über ihrem Weine beisammen saßen.
Pen nahm sich die Rathschläge seines Onkels zu Herzen. Er war, wie wir gesagt, froh genug, auf die Erzählungen deS Aelteren zu hören. Die Unterhaltung mit Kapitän Costigan wollte ihm durchaus nicht mehr ; zusagen, und der Gedanke an diesen versoffenen alten Schwiegervater spukte ihm wie ein Schreckgespenst im Kopfe. Er konnte diesen Mann , unbarbirt und punschduftend, wie er war, doch nicht zu seiner Mutter als Gesellschafter bringen. Selbst was Emilie betraf — er stotterte vor Verlegenheit, wenn der unbarmherzige Vormund ihn über sie auszusragen anfing. „Hatte sie Bil- dung?" Er mußte sich bekennen, nein. „Hatte sie Geist?" Allerdings hatte sie verhältnißmäßig einen recht scharfen Verstand, doch konnte er nicht absolut sagen, sie habe Geist. „Komm, laß unS ein paar Briefe von ihr sehen!" s Da mußte Pen gestehen, daß er nur jene drei besitze, i deren wir Erwähnung gethan — und daß sie nichts, als i ganz triviale Einladungen oder Beantwortungen wären.