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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1850.

.M 102.

Arthur PendenniS.

(Fortsetzung.)

Das kleine Wesen kam nach FairoakS von Bristol, welches nicht weit davon ist, in schwarzen Kleidern und in Begleitung einer Soldatenwittwe, ihrer Amme, von welcher sie bitterlich weinend Abschied nahm. Aber ihr Kummer und ihre Thränen hörten unter HelenenS müt­terlicher Sorgfalt bald auf.

Um den Hals trug sie ein Medaillon mit Haaren, welche Helene vor vielen, vielen Jahren dem armen Franz gegeben, der nun' gestorben und begraben war. Dieses Kind war Alles, was von ihm geblieben war, und sie schloß, wie dies von einem so zärtlichen Geschöpfe zu erwarten war, das Vermächtniß, daS er ihr hinter­lassen, in ihre,Liebe ein. Der Name des Mädchens war, wie der Brief, den er auf dem Todtenbette geschrieben, angab, Helene Laura. Aber John PendenniS, obwohl er daS in ihn gesetzte Vertrauen rechtfertigte und die Waise aufnahm, war auf dieselbe doch höchst eifersüchtig und verlangte verdrießlich, daß sie nach dem Namen ihrer eigenen Mutter genannt werde, und nicht nach jenem ersten, welchen ihr Vater ihr gegeben hatte. Sie fürch­tete sich vor Mr. PendenniS bis zum letzten Augenblicke seines Lebens, und nur wenn ihr Gemahl weggegangen war, getraute sich Helene, offen der Zärtlichkeit sich hin­zugeben, welche sie für daS kleine Mädchen fühlte.

Und nun lassen wir Mr. PendenniS eintreten, wel­cher diese ganze Zeit über gewartet hat.

Nachdem er draußen vor der Thür seine Nerven an­gespannt und sich auf den Zusammenstoß vorbereitet, kam er heran zu demselben, entschlossen, tem gefürchteten On- kel mit offenem Visir entgegenzugehen. Er hatte sich in seinem Gemüthe die Vorstellung zurecht gemacht, das Zusammentreffen werde ein heftiges seyn, und war ent­schieden, es mit all dem Muthe und der Würde der Fa­

milie durchzumachen, die er vertrat. Und so stieß er die Thür auf und so trat er ein mit dem ernsthaftesten und kriegerischesten Gcsichtsausdrucke, geharnischt vom Scheitel bis zur Sohle, die Lanze eingelegt, die Helmfeder flatternd und warf seinem Gegner einen Blick zu, als ob er sagen wollte:Fall' aus, ich bin bereit!"

Der alte Weltmann konnte, als er sich auf den ersten Blick von der Haltung des Knaben überzeugt hatte, sich kaum eines Lächelns über die bewunderungswürdig pomp­hafte Einfalt desselben enthalten. Major PendenniS hatte feinen Ankergrund fondirt, und als er gefunden, daß die Wittwe bereits halb für die Gegenpartei sey gewonnen, und sich so ziemlich klar geworden war, daß Drohungen und tragische Ermahnungen ohne Wirkung auf den Knaben sein würden, welcher geneigt war, den vollkommenen Dick­kopf zu spielen und die Sache schauderhaft ernstlich zu nehmen, steckte er die Miene deS bevollmächtigten Vor­mundes ohne Weiteres in die Tasche und streckte mit dem gutmüthigsten offensten Lächeln Pen die Hände entgegen, schüttelte mit heiterer Miene die Finger deS jungen Man­nes, der ihn gewähren ließ und sagte:Na, Pen, mein Junge, erzähl' uns 'mal die ganze Geschichte".

Helene war höchlich erfreut über die Großmuth und gute Laune des Majors. Der arme Pen dagegen war ganz und gar abgeschlagen und aus dem Sattel gehoben. Er hatte seine Nerven für eine Tragödie angespannt, und mußte nun cinsehen, daß sein großartiger Auftritt auf die Bühne vollständig ins Drollige umgeschlagen war. Er erröthete und trippelte vor tödtlicher Verlegenheit mit den Füßen. Er fühlte sich außerordentlich geneigt, zu schreien:Ich ich ich erfuhr eben jetzt erst, daß Sie angekommen wären", und sagte:ist ist die Stadt jetzt nicht recht voll?"

Wenn Pen kaum im Stande war, seine Thränen hinunterzuschlucken, so vermochte der Major kaum daS