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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur

. Zeitung.

1850. JV» 101.

Arthur ^endennis.

sFortsetzung.)

ES war in Folge einer von vielen Zänkereien (in welchen Martha's Beredtsamkeit glänzte, und in welche sie deßhalb häufig zu verfallen beliebte), daß Bell sich diesmal anders besonnen und seine Zöglinge nicht nach Bearleaders Green', dem Wohnorte Mrö. Coachers, wo Bell sonst den Sommer zu verleben gewohnt war, führte, sondern sich vornahm, die Ferien im Dorfe seiner Tante zu verbringen, welches er viele Jahre nicht seit der Zeit nicht gesehen hatte, wo die kleine Helene ein Mäd­chen war und auf seinem Knie zu sitzen pflegte. So kam er denn hin und wohnte bei ihnen. Helene war ein schönes, junges Weib geworden. Der Cousin war mit der Cousine beinahe vier Monate, von Juni bis Oktober, zusammen. Sie gingen an den Sommerabenden mit ein­ander spazieren, sie trafen sich am frühen Morgen. Sie lasen aus demselben Buche, wenn die alte Dame des Abends beim Schein der Kerzen ihr Schläfchen machte. Was die kleine Helene wußte, hatte Franz ihr gelehrt. Sie sang ihm ihre Liedchen vor, sie schenkte ihm ihre ungekünstelte Neigung. Sie kannte seine ganze Lebens - geschichte. Hatte er ihr denn irgend ein Geheimniß ge­macht? Hatte er ihr nicht das Bild des Weibes gezeigt, mit dem er versprochen war; nicht, mit einem Erröthen, ihre harten, bissigen, grausamen Briefe? Und die Tage schwanden dahin, immer glücklicher und inniger mit immer größerer Zärtlichkeit und Vertraulichkeit, mit im# mer größerem Mitleid. Endlich, im Oktober, kam ein Morgen, wo Franz in sein Kollegial zurückkehrte, und das arme Mädchen sühlte, daß er ihr liebendes Herz mit sich genommen.

Auch Franz erwachte aus dem wonnigen Mitsommer­nachtstraume zu der furchtbaren Wirklichkeit seiner See­lenqual. Er nagte und zerrte an der Kette, die ihn

fesselte. Er raste wie toll, sie zu brechen und frei zu seyn. Sollte er offen seyn? Sollte er seine Seligkeit dem Weibe anheimstellen, an die er gebunden war, und um Lösung des Verhältnisses bitten? Es war noch Zeit er zögerte. War's doch möglich, daß er in dem nächsten Jahre keine Stelle bekam. Und Cousin und Cousine fuhren fort, sich Briefe voll trauriger Zärtlichkeit zu schreiben, während die Verlobte sich in harten, eifer­süchtigen, unzufriedenen Worten bitterlich und mit Recht über den veränderten Ton ihres Franz be­klagte.

Zuletzt kamen die Dinge zu einer Krisis, und das neue Verhältniß wurde entdeckt. Franz selbst bekannte sich dazu, gab sich nicht die Mühe, eS zu leugnen, tadelte Martha wegen ihres heftigen Temperaments und ihres zänkischen, befehlShaberischen Wesens, und warf ihr, waS das Schlimmste war, ihre geringe Bildung und ihr Alter vor.

Ihre Antwort war: wenn er sein Versprechen nicht halte, so würde sie seine Briefe vor jeden Gerichtshof im Königreiche tragen Briefe, in denen er sie zehn­tausend Mal seiner ewigen Liebe versichert und nach­dem sie ihn als den meineidigen Verführer, der er sey, der Verachtung der Welt anheimgegeben, werde sie sich selbst umbringen.

Franz hatte noch eine Zusammenkunft mit Helenen, deren Mutter damals todt war, und welche als Gesell­schafterin bei der alten Lady Pontypool lebte noch eine einzige Zusammenkunft, wo man sich zu dem Be­schlusse einigte, er solle seine Schuldigkeit thun, das heißt, sein Versprechen lösen, das heißt, eine Schuld bezahlen, um die ihn ein falscher Spieler berückt, daö heißt, zwei wackere Menschen unglücklich machen. Dies, meinten die Beiden, sey ihre Schuldigkeit, und damit schieden sie von einander.