Der Wanderer.
OlfiXC
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen
1850. — â 97.
Arthur Pendennis.
(Fortsetzung.)
Pen kam später zu rechter Zeit an und wollte sich eben hinauf ins Bett schleichen; denn der arme Bursche war äußerst mitgenommen und aufgeregt, und seine hoch, gespannten Nerven waren in einer Stimmung, die vom Wahnsinn nicht allzuweit entfernt war — da hielt ihn John, der alte Bediente, auf und richtete mit einem nichts Gutes weissagenden Gesichte den Auftrag aus, seine Mutter müsse ihn unten sehen.
Pen sah sogleich ein, daß die Krists gekommen sey, und daß eine Entdeckung stattgefunden haben müsse. „Nun, meinetwegen," dachte er.
„Wo bist Du gewesen, Arthur?" sagte seine Mutter mit bebender Stimme.
„Wie können Sie dieser — dieser trefflichen Dame und einem christlichen Geistlichen noch ins Angesicht sehen, Herr?" polterte der Doktor heraus, trotz Helenens Bläffe und ihrer bittenden Blicke. „Wo er gewesen ist? Da wo seiner Mutter Sohn sich schämen sollte, hinzugehen. Denn Ihre Mutter, Herr, ist ein Engel, ein reiner Engel! Wie können Sie es wagen, ihr Haus 'so zu schänden und dieses fleckenlose Geschöpf mit den Gedanken an Ihre Verbrechen unglücklich zu machen? . . ."
„Herr," sagte Arthur.
„Leugnen Sie nicht noch, Herr," brüllte der Doktor. „Fügen Sie nicht noch die Lüge zu Ihren übrigen Schandthaten hinzu. Ich habe Sie selbst gesehen. Ich sah Sie aus dem Garten des Dekans. Ich sah Sie die Hand küssen dieses höllischen, geschminkten —"
„Halt hier", sagte Pen, indem er mit der Faust auf den Tisch schlug, daß die Lampe hin und her flackerte und zitterte. „Ich bin ein sehr junger Mann, aber er
innern Sie sich gefälligst, daß ich ein Edelmann bin. Ich will keine Schimpfreden gegen diese Dame hören."
„Dame, Herr!" schrie der Doktor, „die eine Dame. — Sie — Sie — Sie stehen vor Ihrer Mutter und nennen diese — dieses Weibsbild eine Dame!"
„Vor Jedermann," fuhr Pen heraus. „Sie ist jeder Stellung würdig. Sie ist so rein, wie'irgend ein anderes Weib. Sie ist eben so gut als schön. Wo irgend Jemand sie nur im Entferntesten beleidigte, so wollt' ich ihm lehren, was ich darüber dächte; Sie aber als mein ältester Freund, scheinen das Privilegium zu haben, an meiner Ehre zweifeln zu dürfen."
„Nein, nein, Pen, theuerster Pen!" rief Helene im Uebermaaß der Freude. „Ich sagte Ihnen — sagte Ihnen ja, Doktor, er wäre nicht — nicht, was Sie dächten," und bas zärtliche Geschöpf warf sich zitternd in Pens Arme.
Pen fühlte sich als Mann und allen Doktoren in der ganzen weiten Doktorenwelt gewachsen. Er war froh, daß es zu dieser Erklärung gekommen. „Du sahst, wie schön sie war," sagte er zu seiner Mutter mit einer tröstenbea Protektormiene, wie Hamlet vor Gertrude neulich im Schauspiel. „Ich sage Dir, liebe Mutter, sie ist ebenso gut, als sie schön ist. 'Wenn du sie kennen lernen wirst, so wirst Du's selbst sagen. Sie ist, Dich ausgenommen, die einfachste, liebenswürdigste und liebreichste aller Frauen. Warum sollte sie nicht die Bühne betreten, wenn sie dadurch ihren Vater zu unterstützen vermag?"
„Ein ruchloser alter Saufaus," grollte der Doktor, aber Pen hörte oder beachtete es nicht.
„Wenn Du so, wie ich, sehen könntest wie ordentlich ihr Leben ist, wie rein und fromm ihr ganzer Wan, del — wahrlich Du würdest, wie ich — ja wie ich (hier» bei schleuderte er dem Doktor einen vernichtenden Blick