Einzelbild herunterladen
 

Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1850. M 75.

Arthur Pendennis.

sFortsetzung.)

Mrs. Pendennis rief bei mehreren Damen vom Lande, die dreimal so viel Geld als sie besaßen, durch eine Art von wahrhaft verzweifelter Vollkommenheit, die sie in ihr fanden, Neid und Aerger hervor. Miß Pybus sagte, sie wäre kalt und hochmüthig; Miß Pierce fand sie zu stolz für ihren Stand; MrS. Wapshot, als die Frau eines Doktors der Gottesgelahrtheit, verlangte den Vor­tritt vor ihr, die nur die Frau eines Mediziners sey. Indeß ging die so beurtheilte Dame durch die Welt, ohne der Bemerkungen, die zu ihren Gunsten oder Ungunsten gemacht wurden, im Geringsten Acht zu haben; sie schien gar nicht zu wissen, daß man sie hier bewunderte und dort haßte, weil sie so vollkommen war; sondern wan­delte mild und ruhig durchs Leben, indem sie ihr Gebet sprach, ihre Familie mit Liebe umfing, ihren Nachbarn Beistand leistete: kurz, ihre Pflicht erfüllte.

Daß selbst ein Weib ohne Fehler seyn sollte, ist ein Umstand, den die Natur nicht gestattet, welche uns eben so geistige Mängel zutheilt, wie sie unS Kopfschmerzen, andere körperliche Leiden oder den Tod aufbürdet, ohne welche der Weltplan nicht zur Ausführung kommen würde, ja ohne welche die besten Eigenschaften des Menschen gar nicht zur Entwickelung gebracht werden könnten. Wie Leiden die Tapferkeit und Ausdauer; Schwierigkeit die Beharrlichkeit; Armuth den Fleiß und die Erfindungsgabe; Gefahr den Muth und was sonst noch für Tugenden gebiert ^oder hervorlockt, so bringen auf der andern Seite auch die Tugenden gewisse Fehler mit sich, und am Ende hatte Mrs, Pendennis wirklich jenen Fehler, welchen Miß Pybus und Miß Pierce in ihr entdeckten, sie war nämlich stolz und zwar weniger hinsichtlich ihrer eigenen Person, als in Bezug auf ihre

i Familie. Sie sprach von Mr. Pendennis, der ein recht â würdiger kleiner Gentleman, aber doch nicht eben etwas 'Besseres als viele Andere neben ihm war, mit einer wahrhaft entsetzlichen Ehrerbietung, als ob er der Pabst ' von Rom auf seinem allerheiligsten Throne und sie ein ! Kardinal gewesen wäre, der ihm zu Füßen kniete und 1 ihm Weihrauch opferte. Den Major betrachtete sie wie - eine Art Bayard unter den Majors, und was ihren Sohn Arthur betraf, so verehrte sie diesen Menschen mit einer Gluth, welche der Schlingel so kalt hinnahm, wie die Heiligenstatue in St. Peter die feurigen Küsse em­pfängt, welche fromme Wallfahrer auf ihre Zehe drücken.

Dieser unglückselige, abergläubische Götzendienst der jungen Frau war die Ursache eines großen Theils von ! dem Mißgeschicke, das später den jungen Gentleman traf, i welcher der Held dieser Geschichte ist, und verdient deß- : halb gleich zu Anfang unserer Erzählung erwähnt zu werden.

Arthur Pendenniè' Mitschüler in der grauen Brü, - derschule bezeugen, daß er als Knabe sich weder durch ' Dummheit noch durch großes Wissen ausgezeichnet hatte. Er leistete in der That gerade so viel, als man von ihm . verlangte, aber auch nicht mehr, wenn er in etwas einen Vorrang erlangte, so war's im Anfertigen von Versen. Aber war seine Begeisterung auch noch so groß, der Fluß stockte, wenn er die geforderte Anzahl Zeilen fertig hatte.

Niemals laS er etwas außer den Schulstunden zu eigner Förderung; im Gegentheile, er verschlang alle ; Romane, Novellen, Schauspiele und andere Dichtungen, deren er habhaft werden konnte. Er bekam niemals die ! Ruthe , aber es war offenbar ein Wunder, wie er der ! Prügelbank entging. Wenn er Geld hatte, so verthat ! er'S auf fürstliche Weise in Torten für sich und seine Freunde; eS war bekannt, daß er an einem einzigen Tage