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Der Wanderer.

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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1850. M 66.

Die Todtenbrücke.

Böhmische Sage von Otto.

Mârten, der Holzschläger, dessen Baude auf einem der niedrigsten Ausläufer des Riesengebirges lag, hatte eine hübsche Tochter, Eva, und diese rühmte sich zweier jungen Burschen aus Hohenelbe als ihrer Ver­ehrer, welche fleißig die Bergeshöhen erglimmten, um nach dem Wohlseyn ihres Liebchens zu forschen. Wem von Beiden Eva den Vorzug «inräumte, dem blonden Heinrich, oder dem schwarzlockigen Paul, war schwer zu behaupten; denn ihr Benehmen war gegen Beide ziem­lich gleich, traf sie dieselben nun zu Hause oder auf dem Kirchengange, bei der Arbeit oder auf der Kirchmeß, nicht um ein Titelchen begünstigte sie Einen vor dem Andern, und es konnte am Ende wohl kaum anders kommen, als daß Jeder von ihnen sich für der Jungfrau Erkornen ansah, welchem nur die Bewerbung des Anderen im Wege stande-UM zu dem ausschließenden Besitze von Eva's Herz zu gelangen. Ebenso natürlich war es aber auch, daß die beiden Jünglinge, bis dahin recht gute Freunde, allmählig immer kälter gegen einander wurden, und sich zuletzt sogar als erklärte Feinde gegenüber standen. Mit eifersüchtigen Blicken bewachten sie gegenseitig ihre Handlungen, ja selbst ihre Schritte, lauerten sich einander auf, dann kam es zu unfreundlichen Reden, zu Schimpfworten, zu Thätlichkei­ten, und das Ende vom Liede war, daß keiner von ihnen mehr ohne Waffen ausging, weil er die blutigsten Ab, sichten dem Haffe seines Feindes zutrMen zu dürfen glaubte.

Da geschah es eines AbendS, daß Paul, auf dem Wege zu Märten's Baude, ziemlich weit im Elbethal vorgedrungen, den blonden Heinrich gewahrte, welcher aus dem Seitenpfabe hervorbrach und ihm einen ziem­lichen Vorsprung abzugewinnen schien. Er verdoppelte

daher seine Schritte, holte den Gesellen ein, und bemerkte mit verbissenem Grimm ein flatterndes Band an dessen Hut, gerade so ein Band, wie er es gestern erst an Ev- chen's Mieder gesehen hatte. Kochend stieg ihm der Zorn in's Gesicht und mit bebender Stimme rief er den Ne­benbuhler an:Woher das Band?"

Heinrich maß den Fragsteller mit spöttischem Nasen, rümpfen von Oben bis Unten, antwortete aber nichts, sondern schritt rüstig fürbaß bis zu einer seichten Stelle, wo man den Fluß übersetzen konnte, um in den jensei­tigen Berghalden zur Wohnstätte des Liebchens emporzu­steigen. Aber Paul blieb ihm dicht auf der Ferse, und ehe noch Jener den Fuß in'S Wasser setzen konnte, hatte er ihn bereits erreicht, hielt ihn am Aermel seiner Jacke zurück und lallte mit wutherstickter Stimme:Woher das Band?"

Heinrich blieb abermals die Entgegnung schuldig; doch riß er sich heftig von dem Widersacher los und sprach verächtlich;Laß mich zufrieden und geh' Deiner Wege; Dein Anblick ist mir verhaßter als der Tod!"

Abermals schickte er sich an zum raschen Gange; allein Paul, seiner kaum mehr mächtig, sperrte ihm die Straße und schrie:Du wirst mir Antwort geben, oder daS Donnerwetter soll Dir auf den Schädel fahren!"

Auch dem gelasseneren Heinrich ward nun der Kopf heiß; er schwang den Stecken und rief:Was? Du fällst mich an, wie ein Strolch und Wegelagerer, und glaubst mir meine Minne zu verleiden. Ich aber sage Dir, Evchen mag Dich nicht, und wird mein, mein, mein! Dir und Deiner Aufdringlichkeit zum Trotze!"

Er hatte noch kaum vollendet, als ein Schlag ihn traf, geführt von Paul's ganzer, durch eine Art von Berserkergrimm gesteigerter Kraft. Geglâhmt sank ihm der Arm herab , da fiel bereits ein zweiter Hieb ihm mit fürchterlicher Wuth auf den Kopf.